Inmitten des Berliner Tretpower Parks, direkt auf der Puschkinallee, haben sich Angela Spieth und Michael Oehler ein kleines Schuh-Imperium aufgebaut. Während ihrer langjährigen Tätigkeit in der Massenindustrie stieß Angela Spieth auf die ungeheuren Diskrepanzen zwischen Lohn- und Fertigungskosten in der Mode. Gemeinsam mit dem Schuhmacher-Meister Michael Oehler, der lange Zeit für Bühnen und Theater in Berlin tätig war, gründete sie deshalb Trippen: Ein Schuhlabel, das mit seinen unkonventionellen Designs mit den ikonischen Sohlen nicht nur anders aussieht, sondern auch vieles anders macht.

Das war vor über 25 Jahren. Seitdem ist das Berliner Unternehmen nicht mehr von dem Moderadar gewichen. Mittlerweile zählt Trippen fast 200 Mitarbeiter, Stores in Berlin, Köln, München, Antwerpen oder Paris und produziert 100.000 Paar Schuhe im Jahr in der eigenen Manufaktur im brandenburgischen Zehdenick. Ein Gespräch mit Designer Michael Oehler über Beständigkeit in einem schnelllebigen System.

Trippen
Vor über 25 Jahren gründeten Angela Spieth und Michael Oehler Trippen

Herr Oehler, wie trotzen Sie saisonalen Modeerscheinungen?
Trends kann man sich mittlerweile kaum noch entziehen. Wir nehmen sie auf und wandeln sie in zeitlose Modelle um. Heutzutage will jeder ständig etwas Neues. Da reicht es nicht, alte Designs neu aufzulegen. Trotzdem versuchen wir in jeder unserer Kollektionen, etwas Altes mit einfließen und dadurch Modernes entstehen zu lassen.

„Nachhaltigkeit“ ist in der Mode noch immer häufig eher negativ behaftet. Viele denken dabei an alternde Ökos oder verdrehte Hippies. Wie stellt sich Trippen gegen dieses Altlasten-Klischee?
Als wir damals anfingen, Schuhe zu entwerfen, hatten wir einen Vertreter, der in den 1980er Jahren viele Independent-Läden aufgebaut hat. Einige davon waren Vorläufer der ersten Naturschuhlabels. In genau diesen Läden haben wir in unserer Anfangsphase viel verkauft und dadurch schnell den „Öko-Stempel“ aufgedrückt bekommen. Letztlich ist das aber eine sehr schizophrene Wahrnehmung. Wir haben viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht und festgestellt, dass dieses Klischee hauptsächlich ein innerdeutsches „Problem“ ist. Natürlich war es manchmal unangenehm, in Deutschland immer als stures Öko-Label wahrgenommen zu werden. Letzten Endes hat es uns aber nie wirklich berührt — wir verkaufen ohnehin weniger als 10 Prozent unserer Schuhe in Deutschland.

Schuhlabel Trippen: „Wir haben uns getraut, ganz konsequent zu sagen, dass wir nicht jede Saison einen neuen Leisten oder etwa eine neue Sohle entwerfen wollen.“

Verweigert sich der deutsche Kunde besonders hartnäckig gegenüber „grüner“ hochwertiger Mode und schaut zu sehr auf den Preis?
Viele Menschen merken leider nicht, ob sie nun ein 1000 Euro-Kaschmir-Jäckchen tragen oder aber ein gut synthetisch verarbeitetes für nur 25 Euro. Andere dafür zu sensibilisieren, dass hinter jedem Kleidungsstück noch so viel mehr steckt, etwa Personen, die nichts bekommen, finde ich äußerst schwierig. Vor allem, weil all unser Reichtum zum Großteil darauf basiert, dass manche nun einmal weniger besitzen als man selbst. Wir versuchen deshalb, uns mit Trippen auf drei Ebenen zu bewegen: Unser Produkt muss für den Träger und Hersteller gleichermaßen gut sein und zugleich mit seiner Qualität überzeugen. All das setzen wir in unserer Gestaltung um. Das funktioniert mit Schuhen wunderbar, da der Mainstream oft zu eindeutig geworden ist. Wenn man als Designer etwas auch nur ein wenig anders macht, werden viele neugierig.

Was genau machen Sie denn anders?
Wir haben uns getraut, ganz konsequent zu sagen, dass wir nicht jede Saison einen neuen Leisten oder etwa eine neue Sohle entwerfen wollen. Nach 25 Jahren kommt da natürlich trotzdem allerhand zusammen, alle drei bis vier Jahre entwickeln wir neue Sohlen. Die Schnitte darüber sind allerdings immer neu und werden von Saison zu Saison weiterentwickelt. Ich denke, das ist etwas, wofür andere Labels oft viel zu bequem sind. Genau daraus hat sich unsere eigene Formensprache gebildet.

Ihre Schuhe sind dabei immer modisch, am Puls der Zeit. Anlässlich der letzten Berliner Modewoche kooperierten Sie etwa mit dem Designer Michael Sontag, genau wie auch im Jahr zuvor. Die Schuhe der Kollektion stammen aus Ihrer Feder.
Michael ist auf uns zugekommen. Er fuhr mit dem Zug bis nach Zehdenick, schlenderte durch den Ort und ist irgendwann zu uns in die Fabrik gekommen. Das war eine wirklich nette Begegnung. Die Zusammenarbeit mit ihm hat einwandfrei funktioniert. Die eher voluminösen Stiefel von uns haben seine filigranen Entwürfe perfekt ergänzt.

„Bei der aktuellen Marktlage ist es unheimlich schwer geworden, individuelle Teile zu finden. Ich würde mir wünschen, dass es wieder Mode gibt, auf die ich wirklich Lust habe.“

Sie sind in Berlin schon lang als Designer tätig. Wie würden Sie die aktuellen Bestrebungen Berlins als Modestadt mit Initiativen wie dem German Fashion Council beurteilen?
Noch während ich Trippen gegründet habe, hatte ich ein Stipendium vom Internationalen Forum für Gestaltung in Ulm, quasi dem Nachfolger der Hochschule für Gestaltung. Das war damals eine sechsjährige Periode der Bauhaus-Nachfolge nach dem Krieg. 1968 haben die Initiatoren die Einrichtung dann geschlossen, weil sie keine staatliche Hochschule werden wollten. Viele europäische Head of Designs der letzten 20 Jahre kommen aus dieser Schule. Die haben damals nochmal alle Bauhaus’ler versammelt und eine super Designelite ausgebildet. Obwohl das Bauhaus nur eine äußerst kurze Episode andauerte, hat es wahnsinnig viel in Bewegung gebracht. Deutschland wird bis heute damit identifiziert.

Und heute?
Ich kann mir vorstellen, dass Berlin in der Mode gern eine ähnliche Funktion ausfüllen wollen würde. Ob dafür genau jetzt die nötigen Köpfe vorhanden sind, weiß ich nicht. Momentan setzt man viel auf die Förderung junger Designer, um ihnen den schwierigen Start in die Mode zu ermöglichen. Das funktioniert dann meist drei Saisons, das Konzept ist aber danach leider oft nicht wirklich überlebensfähig. Ich glaube, es wäre viel wichtiger, das Ganze zusammen zu meistern und in einen größeren Rahmen zu fassen. Der Schulgedanke im Sinne von Bauhaus könnte da meiner Meinung nach eine Art Schlüssel sein — letzten Endes war es mit den berühmten Antwerp Six in Antwerpen ja nicht anders.

Haben Sie einen Wunsch an die Mode?
Ich reflektiere oft mein eigenes Konsumverhalten. In der Zeit, in der wir anfingen, Geld zu verdienen, habe ich auch viel davon sofort wieder ausgegeben. Ich frage mich oft, ob das einfach nur eine Art persönliche Phase war oder ob es damals tatsächlich andere Sachen auf dem Markt gegeben hat. Ich erlebe das gerade bei meinem Sohn: Er trägt meine alten Klamotten unvorstellbar schön aus, ganz ohne dabei auf aktuelle Moden zu achten. Dabei habe ich einfach gemerkt, dass es bei der aktuellen Marktlage unheimlich schwer geworden ist, individuelle Teile zu finden. Ich würde mir wünschen, dass es wieder Sachen gibt, auf die ich wirklich Lust habe. Dinge, die im Entwurfprozess schon viel konzeptueller und letztlich auf allen Ebenen durchdacht sind.