Fachwerkhäuser sind so etwas wie der Januskopf bundesdeutscher Kleinstädte. Von außen hübsch anzusehen, wirkt es hinter der Fassade meist trostlos und banal. Wahrscheinlich wären Fachwerkstädte der ideale Schauplatz eines David Lynch Films, hätte dieser sich nicht auf Twin Peaks festgelegt. Mittelstand, Familie, Romantik und deren abgrundtiefe Kehrseite.

Lübeck, die stolze Stadt im Norden und einstig unbestrittene Königin der Hanse, ist ein ideales Beispiel. Von außen glänzen hochglanzpostkartenschön und museal Holstentor, Buddenbrookhaus und pittoreske Altstadt. Hinter der Fassade offenbart sich der Verfall in die nachkriegsdeutsche Bedeutungslosigkeit. Dass diese aber durchaus auch ihre ganz eigne morbide Schönheit hat, zeigt der Art Director Thomas Elsner in seinem Buch lubeca my reflection.

Elsner, der ambitionierte Avantgardist, der 1980 das erste deutsche Zeitgeist-Magazin Elaste gründet – wohlgemerkt weit vor dem Lifestyle-Titel Tempo – und sich danach vor allem als Gestalter bei Condé Nast und wegweisender Kampagnen-Kreateur für Strenesse (in den Neunzigern) einen Namen macht, lenkt den Blick hierbei vor allem auf die Kontraste, Fragmente und Winkel seiner Heimatstadt.

So zeigt er historische Kirchtürme nur angeschnitten, verdeckt durch wuchtige, monumentale Parkhäuser, Backsteinfassaden umhüllt von Baugerüsten, lenkt den Fokus auf Hinterhöfe, sterbendes Gewerbe, in Planen verpackte Kleinbürgerlichkeit und eine Stadt die ansonsten im nassen, grauen Dunst versinkt. 14 Jahre war Elsner alt als er die erste Kamera von seinem Vater geschenkt bekommen hat, der ihn mit auf Streifzüge durch sein Lübeck nahm. In den letzten 10 Jahren hat Elsner dieses Vermächtnis neu dokumentiert.

Und so erscheint lubeca my reflection als eine melancholische Komposition von Bildern, viele von ihnen in schwarz-weiß, mit denen Elsner unter Beweis stellt, das Heimat keine hübsch anzusehende Postkartenromantik ist, die sich verorten lässt, sondern ein Gefühl. Rein subjektiv, privat wie intim.

Zur Veröffentlichung seines Buches haben wir Thomas Elsner 7 Fragen gestellt, die er uns mit, wie er es selbst nennt, „hanseatisch grundsätzlicher Aufgeschlossenheit“ beantwortet hat.

Warum ein Buch über Lübeck?

Das war eigentlich gar nicht geplant. Ich merkte plötzlich, dass ich den unzähligen Lübeck Darstellungen eine zeitgenössische Facette hinzufügen und der Stadt, die mich so geprägt hat, etwas zurückgeben wollte. Mit „Lübeck als geistiger Lebensform“, wie Thomas Mann es nannte. Auch etwas sehr persönliches, was mit viel Heimat zu tun hat, mit verlorenem Paradies und paradiesischer Verlorenheit, also einem unschuldig-traumverlorenem Zustand in dem die Stadt verharrt.

Ein Grund Lübeck zu besuchen ist…?

Es gibt tausende! Am besten irgendwo beginnen und sich überraschen lassen. Der Schriftsteller Adelbert Graf von Baudissin schrieb im Jahre 1865: „…ein Spaziergang durch die Straßen ist im Grunde genommen nichts anderes, als ein mit gymnastischen Bewegungen verbundenes Studium der Geschichte, oder ein mit Regenschirm und Gummischuhen verknüpftes Blättern in einem alten Bilderbuche.“ Das gilt immer noch!

Der schönste Ort der Stadt?

Ist für mich der Ort, wo ich der Ostsee am nächsten bin, nämlich auf der Nordermole in Lübecks ‚schöner Tochter‘ Travemünde.

Und die schrecklichste Ecke?

Der untere Teil der Breiten Straße. Profane Nachkriegsarchitektur, durchsetzt mit Filialen aller möglichen Handelssketten, beliebig möbliert im üblichen Fußgängerzonendesign.

Lübecker sind…

…um es ‚lübsch‘ zu sagen: ein wenig gediegen: hochmütig & stolz, wortkarg & kühl, aber dann wieder sehr ehrlich & verlässlich. Laut einer Erhebung gehören die Schleswig-Holsteiner zu den zufriedensten Menschen Deutschlands. Diese positive Offenheit überrascht mich bei jedem Lübeck Besuch aufs Neue.

Dein hanseatischtes Attribut?

Schwer zu sagen, vielleicht meine grundsätzliche Aufgeschlossenheit?

Das beste Niederegger Marzipan ist…

Das sind ganz klar die Marzipankartoffeln, rohes Marzipan mit einer besonderen Kakaomischung bestäubt. Aber sie müssen in jedem Fall von Niederegger sein. Leider wurde das Café vor einiger Zeit etwas umcharmant renoviert, dadurch hat es viel von seinem mondänem Glanz verloren. Was aber zum Glück geblieben ist, ist die dünkelhafte Art der meist überschminkten Bedienungen im Café, die jede Teestunde zum Erlebnis werden lässt.

Das Buch „lubeca my reflection“ ist erschienen im Distanz Verlag – mit einem Vorwort von Björn Engholm – enthält ein Protokoll eines Gesprächs zwischen Frido Mann und Larissa Beham sowie Texte von Karl-Hermann Leukert und Ingo Siegmund.