Seit über zwanzig Jahren denkt der gebürtige Duisburger Stephan Schneider von seiner Wahlheimat Antwerpen aus um die Ecke: egal ob für Frauen oder Männer, vernarrt ins Detail sind alle seine Kleider. Den kühlen Kopf eines echten Kenners verliert der Modeschöpfer dabei nie, Schneiders Entwürfe strotzen nur so vor Substanz. In seinem Showroom im Marais erzählt er während der Frauen- als auch der Männersaisons regelmäßig stoffliche Geschichten

Fragmentarische Verarbeitung

Wie alle Künstler lassen sich Modeschöpfer in ihrem Schaffen von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen leiten; den guten genauso wie den schlechten. Im vergangenen Jahr starb Stephan Schneiders Mutter – seine Trauer verarbeitet er auch in seinen Entwürfen für den kommenden Winter. Der Kollektionstitel „Fragments of a home“ kann  sogar wörtlich verstanden werden: Als Präsentationskonzept zieren die Wände seines Pariser Showrooms urige Gemälde, überwiegend Landschaften und Stillleben aus dem Elternhaus, deren neue Bestimmung seine Geschwister und ihn beim notwendigen Ausräumen zunächst vor ein Rätsel gestellt hatten. „Wegschmeißen konnten wir sie nicht, in unsere eigenen vier Wände passten sie aber auch nicht“, so Schneider.

Vertraute, verfremdete Gemälde aus Schneiders Elternhaus bilden die Basis von Schneiders neuer Kollektion, die sehr persönlich ausgefallen ist
Vertraute, verfremdete Gemälde aus Schneiders Elternhaus bilden die Basis von Schneiders neuer Kollektion, die sehr persönlich ausgefallen ist

Dann kam ihm die Idee, sich den Schmerz von der Seele zu malen: indem er die Werke überpinselte, sodass sie wie von einem trüben Schleier überzogen die einstmals hellen Sujets zu Sequenzen einer Nacht transformieren, die sicherlich auch Ausdruck seines Gemütszustandes waren. Mal getaucht in ein rauchiges Petrol, dann in ein Brombeer-Schwarz oder Greige, bewegen sich die Gemälde in den gleichen Farbwelten wie seine aktuelle Kollektion: dazwischen bringen Kleckse eines hellen Blaus oder Sandtones neues Licht ins Dunkel.

Verstecktes Detail: hier verbergen sich Seitentaschen hinter Bundfalten
Verstecktes Detail: hier verbergen sich Seitentaschen hinter Bundfalten
Innen Schalstrick, außen Mantel. Wie perfekt beide miteinander verschmelzen, sieht nur, wer genau hinschaut: Für das Innenfutter wurde nichts aus einem großen Stück Strick herausgeschnitten - sondern passgenau Masche um Masche angefertigt
Innen Schalstrick, außen Mantel. Wie perfekt beide miteinander verschmelzen, sieht nur, wer genau hinschaut: Für das Innenfutter wurde nichts aus einem großen Stück Strick herausgeschnitten – sondern passgenau Masche um Masche angefertigt

Durchdachte Details

Ein klassischer einreihiger Mantel, der durch eine brillante Faltung wie ein A-linienförmiges Cape erscheint, eine Hose, die mit nur einer Naht auskommt und dennoch wie angegossen sitzt oder seitliche Taschen, die sich hinter Bundfalten geschickt verstecken: Stephan Schneider ist ein echter Meister der Konstruktion – ohne, dass seine pfiffigen Ideen als stupide Bilder den Kleidern voraus marschieren. Bei ihm ist kein Detail Dekor, sondern immer auch ein (multi)funktionales Argument. Genau wie Schneiders Stoffe, die eigens für ihn entwickelt werden. Besonders stolz ist er in dieser Saison auf eine mehrfach gebürstete Wolle – eine von Schneiders spontanen Ideen – die sich in einer Art wohlig weich und glatt anfühlt, dass sie beim Blindtest wohl als einer Liaison aus Seide und Kaschmir durchgehen würde.

Stephan Schneider vor seiner aktuellen Herbst-Winter-Kollektion 2016/17 in seinem Showroom im Marais
Stephan Schneider vor seiner aktuellen Herbst-Winter-Kollektion 2016/17 in seinem Showroom im Marais

Erfolgreicher Expat

„Es ist beinahe verrückt, aber ich war noch niemals, niemals nie in der deutschen Vogue“, erzählte Stephan Schneider kürzlich im Gespräch mit Achtung Mode – für einen alten Modehasen wie ihn, der seit zwei Dekaden konstant deutsche Qualität Made in Belgium zeigt und sich und seine Mitarbeiter vom siebenstelligen Jahresumsatz gut finanzieren kann, ist das eigentlich kaum zu glauben. Hierzulande stoße seine Mode einfach nicht auf die richtige Käuferschaft: „Die Deutschen verstehen meine Kleider nicht“, so Schneider, dessen Kollektionen hier gerade einmal in drei Läden hängen und nur 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen. Ganz anders als in Japan übrigens, wo er rund 40 Prozent seines Umsatzes generiert: dort ist Schneider mit sage und schreibe 70 Verkaufsstellen vertreten.

Weil Schneider damit nicht alleine steht, sondern es beinahe schon als Merkmal hiesiger Mode verstanden werden kann, dass deutsche Designer Big in Japan sind, haben wir dieses Phänomen in unserer Märzausgabe, die ab jetzt im Handel erhältlich ist, am Beispiel Schneider einmal näher unter die Lupe genommen – in unserem aktuellen Themenschwerpunkt Dialogue with Asia.