Es sieht trübe aus. Gerade jetzt im Winter – in dieser Stadt über die sich vieles sagen lässt, eins aber sicherlich nicht: dass Berlin einen auf den ersten Blick mit überwältigender Schönheit und absoluter Perfektion empfängt. Stattdessen herrscht in der Hauptstadt vor allem eins vor: ein Grau, das keinen schillernden Eindruck erzeugt, ein Farbreiz der abstrakt bleibt.

Grau biedert sich nicht an, ist spröde, will erforscht und differenziert werden – eben wie jener Ort, Berlin, der so roh, seltsam und intim wie das Leben selbst ist und dessen Poesie sich erst im Verborgenen zeigt.

Das Haus Louis Vuitton hätte sich also für seine neue Fashion Eye Bücherkollektion, eine Reihe an Bildbänden von Reisefotografien, in der diesmal auch die Stadt Berlin eine Edition erhält, keinen besseren Fotografen aussuchen können als den Meister der unperfekten Schönheit, den Deutschen Peter Lindbergh.

Schon immer waren Lindberghs vornehmlich Modefotografien dann am Stärksten, wenn er in seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen die feinen Nuancen echter und wahrhaftiger Schönheit herausarbeitete – abseits ausstaffierter Supermodels. „Eine Schönheit, die Individualität ausstrahlt und den Mut, man selbst zu sein mit all seiner Empfindsamkeit“, benannte er einmal sein Lieblingsthema in der Fotografie.

Einen neuen Realismus mit dem er die Modefotografie und die Bildsprache der bekannten Magazine in den späten 80er Jahre revolutionierte. Und dessen Ursprung nicht nur in seiner Kindheit gegenüber den Krupp-Stahlwerken im Ruhrgebiet, sondern vor allem in der ästhetischen Sprache des Bauhauses und Filmen wie Metropolis und Der blaue Engel zu finden ist, dessen Faszination Lindbergh Mitte der Sechziger als 18-Jähriger in Berlin erliegt.

Und so ist dieser Bildband, der aus 57 Gesichtern und Fassaden, Körpern und Landschaften, vornehmlich in Grau, komponiert ist, auch eine persönliche Hommage an eine Stadt, die erst auf den zweiten Blick zu etwas Besonderem erwacht. Düster, aber voller Leben.