Instagram stories ist eine spassige App: quietschbunt, pubertär, zuweilen anzüglich. Junge Menschen verwenden Instagram Stories, um spontane, persönliche Momentaufnahmen in Videoclips oder aneinandergereihten Fotoshows mit Freunden zu teilen. Tanzen auf der Dachterrasse zum Beispiel, dröge Langeweile im Auto oder auch das selbst angerührte Quinoa-Müsli werden ausführlich dokumentiert. 24 Stunden nach Erscheinen verschwinden die Videos wieder. Ideal also für mitunter ziemlich banale Schnappschüsse aus dem alltäglichen Leben, die meist mit knalligen Emojis, bunten Stickern und digital ans Gesicht montierten Hundeohren garniert werden.

High-Fashion-Momente fand man dort bis dato weniger – bis während der Pariser Männermodenwoche im Juni auf einmal 17 Looks auf der audiovisuellen Plattform auftauchten. Ihr Absender: Stefano Pilati, seines Zeichens langjähriger Yves Saint Laurent-Designer, ehemaliger Creative Director bei Zegna und mittlerweile arbeitsloser Kreativer, abseits des internationalen Moderadars in Berlin lebend. Zu sehen gab es auf seinem privaten Account unter anderem knapp geschnittene, zweireihige Anzüge, getragen mit Absatzstiefeln, eine drapierte Lederbomberjacke, einen sittsamen, knielangen Rock kombiniert mit Netzstrümpfen, schimmernde Nylon-Workwear-Hosen und einen derben, mit einem Gürtel eng taillierten Trench aus Leder. Alle Kombinationen schwarz, allesamt „seasonsless and genderless“ wie der Designer selbst bekannt gab, fotografiert an seinen Underground-Freunden aus dem Nachtleben, die in den Looks so wirken als wären sie gerade ganz unschuldig aus dem Berghain gestolpert.

„Über 30 Jahre wurde ich als Modedesigner definiert, oftmals durch die Art und Weise, wie ich mich angezogen habe. Und jetzt, ohne Job und in Berlin, traf ich auf einmal auf Leute, die nicht wussten, wer ich war“

Das saß. Hatte die Modewelt doch eher damit gerechnet, dass der 52-jährige Italiener die Nachfolge von Peter Dundas bei Cavalli übernimmt (so die Gerüchteküche) oder sogar das schwere Erbe des Altmeisters Giorgio Armanis antritt. Stattdessen aber tat Pilati das, was er am besten kann, nämlich subtil die Männergarderobe revolutionieren, einfach mal für sich selbst. „Ich weiß nicht, ob ich noch die Energie habe, so viel Aufwand in etwas zu stecken, um es zu meinem Eigenen zu machen, wenn es am Ende doch niemals meins sein wird. Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass so viele Menschen mich baten, meine eigene Marke zu machen, hat mich dazu gebracht, endlich mein eigenes Label zu gründen“, diktierte er zuvor seinen Berlin- Buddies vom Magazin 032c in den Block.

Schon bei Yves Saint Laurent war Pilati versessen darauf, an der Silhouette des Mannes zu schnippeln, die Taille war gerne mal höher, die Hosen waren scheinbar zu kurz, die Jacken dafür ungewöhnlich lang. Bei Zegna sorgte er mit dem broken suit dafür, dass selbst Männer in Anzügen verletzlicher und authentischer ausschauten. Bewunderer, und davon gibt es ziemlich viele, halten Pilat selbst übrigens für sein bestes Model. Schon lange gilt der Italiener als einer der best dressed men in fashion, schafft er es doch in einem Mix aus weiter schwarzer Zegna-Hose, roter Bouclé-Jacke im Biker-Stil, Chanel Vintage und hufähnlichen Margiela-Boots zwar irgendwie unkonventionell und dennoch elegant zu wirken.

Kein Wunder also, dass auch seine erste eigene Kollektion diszipliniert gleichwohl provokativ, düster und trotzdem emphatisch, feminin und maskulin zugleich erscheint. Gekonnt wechselt Pilati in den gezeigten Looks zwischen day und night, zwischen male und female, zwischen vermeintlich vorgegebenen Kleidungskategorien, die er in ein stimmiges Nichts auflöst. So führt er seine subtile Kleiderrevolution abseits der großen Marken, flüchtigen Trends und reglementierenden Kollektionsplänen als erkennbare Alternative zu Gender-Codes und saisonal konzipierter Mode ein Stück weiter.

Und auch wenn Pilati beteuerte, es handle sich bei dieser Kollektion lediglich um einen Test, und dass keines der gezeigten Teile jemals in Produktion gehen würden, kreiert er doch mit Random Identities – so der Name seines persönlichen Experiments – das Spannendste, was die Branche im Augenblick zu bieten hat. Eine Mode, die weder Körper noch Trends, sondern die Persönlichkeit in den Vordergrund stellt. Ein Look, der sich darüber definiert, keiner mehr zu sein. Reduziert und dennoch keine blasse Hinter- grundkulisse, sondern durchaus mit Aussage. Die da lautet? Definiere deinen eigenen Stil, deine eigene Geschichte, denn nur so schafft Mode Sicherheit und somit Wohlbefinden.

„Hier gibt es keine sozialen Zwänge [Berlin]. Hier kann ich ganz andere Ansätze erforschen. Meine Arbeit hier ist sehr viel mit meiner eigenen Stimmung verbunden. Will ich etwas machen, dann mach ich es und wenn nicht, lass ich es einfach sein.“

Neu ist diese Idee, genau genommen, natürlich nicht. Auch dass momentan ein Großteil der Menschheit in Funktionskleidung oder Jogginganzug durchs Leben schlurft, lässt sich durchaus mit viel gutem Willen als Abkehr von Gender-Klischees und Modediktat interpretieren. Ebenso ist auch der Hype des momentanen Über-Labels Vetements zu erklären.

Neu ist allerdings, dass dieser modische Umsturz auf einmal so kleidsam und stilvoll daherkommt. Und dass ein gut situierter Designer mittleren Alters, der bisher stets in den Zwängen des etablierten Modesystems gearbeitet hat, mit Hilfe eines digitalen Tools, vornehmlich genutzt von einer jungen Generation, etwas schafft, was der kränkelnden.

Modebranche bisher nicht gelungen ist: Nämlich zu verstehen, dass Mode in Zeiten des Klicks und für eine Generation, die Stil zunehmend wie ein Selfie, wie ein virtuelles Selbstportrait sieht, selbst etwas Neues werden muss, will sie denn weiterhin relevant sein.

Die großen Inszenierungen, die großen Namen, von denen die Branche solange gezehrt hat und mit der sich eine ganze Industrie mit ihrer Hybris und ihren Cool-ness-Codes immer höher in den Himmel katapultiert hat, darauf wird es immer weniger ankommen. Identität und Intimität sind die Stichwörter der Zukunft. Vielmehr braucht es eine neue Mode-Message, auch wenn diese nur ganz banal lautet: Be yourself!

Es mag vermessen klingen, gerade für ein Magazin wie Achtung Mode, das aus dieser Stadt heraus entsteht, aber dass Pilati dieser Clou gelungen ist, liegt auch an Berlin. Einer Stadt, in der man sich in der Nacht so verlieren kann wie sonst nirgends auf der Welt, nur um sich danach wiederzufinden. Warum? Weil das Nachtleben in Berlin eine kulturelle Spielwiese ist, auf der es auch um Austausch un Entwicklung geht. Ausgehen war hier schon immer mehr als sich blind den Schädel wegzu saufen und zu vergessen, welcher Tag heute ist.

Hier findet man seinen tribe, seine selbstgewählte Familie, egal woher man kommt, wie man aussieht oder was man vorher gemacht hat. Schließlich interessiert es im Stroboskop-Gewitter niemand, ob du amerikanischer Avantgardekünstler oder fitnessstudiogestählter Brandenburger bist. Das hat so was Basisdemokratisches.

„Über 30 Jahre wurde ich als Modedesigner definiert, oftmals durch die Art und Weise, wie ich mich angezogen habe. Und jetzt, ohne Job und in Berlin, traf ich auf einmal auf Leute, die nicht wussten, wer ich war“, erklärt Pilati sein Leben in Berlin. „Hier gibt es keine sozialen Zwänge. Hier kann ich ganz andere Ansätze erforschen. Meine Arbeit hier ist sehr viel mit meiner eigenen Stimmung verbunden. Will ich etwas machen, dann mach ich es und wenn nicht, lass ich es einfach sein.“

Und nicht nur das, auch die modische Irrelevanz Berlins mag es dem Designer paradoxerweise möglich gemacht haben, sich mit den relevanten Themen zu beschäftigen, welche die gesamte Modebranche derzeit umtreibt: Wie verändern technische Möglichkeiten die Art, wie wir Kleidung tragen, kaufen und verbreiten? Wie verändert das Internet den Umgang mit dem, was wir anziehen und damit nicht nur unseren Körper, sondern vor allem uns?

Und so müssen Pilatis Random Identities auch symbolisch für diese Stadt stehen. Es hört sich kitschig an, aber in Berlin findet man Freiheit. Und wenn diese Freiheit nur bedeutet, als ehemaliger Chefdesigner einfach mal 17 Looks auf Instagram zu posten und damit für 24 Stunden die Modewelt in Aufruhr zu versetzen.

 

 This article appeared first in Achtung Mode Nr. 34, Im Augenblick column (September 2017).