Prabal Gurung ist sowas wie der „Opinionator“ der amerikanischen Modeszene. Zwischen seine kosmopoliten Flatterkleider schmuggelt der gebürtige Nepalese, der seine Kollektionen seit einigen Jahren im Rahmen der New Yorker Modewoche präsentiert, stets politische Messages. Sein Medium? Statement-T-Shirts zum aktuellen Weltgeschehen. Seien es die Wahlen in Amerika, Migrationspolitik oder der Wunsch nach mehr sozialer Gleichheit. Er selbst trägt am liebsten ein Shirt mit dem Slogan „This is what a Feminist looks like“. 

Gurung traut sich, Farbe zu bekennen. Grund genug für ein Gespräch mit Achtung Digital. Wie passend, dass er gerade zu Besuch in Berlin war, um auch hierzulande seine Marke zu promoten: In dieser Saison präsentierte er im Rahmen der Berliner Fashion Week seine Resort 2018 Kollektion. Die kannte man zwar vorab schon aus dem Internet. Aber wen stört’s, wenn die Kleider so schon flattern — und der Mann was zu sagen hat.

Achtung Digital: Herr Gurung. Sie bezeichnen sich selbst als Feministen. Was bedeutet das für Sie?

Prabal Gurung: Für mich ist das jemand, der die Welt, in der wir leben, nicht nur eindimensional betrachtet — denn sie ist nunmal multikulturell und divers; wir Menschen kommen mit verschiedenen Kleidergrößen daher. Und trotzdem sind alle gleichwertig. Das zu erkennen und zelebrieren empfinde ich als feministisch.

Seit einer Weile erleben wir eine neue Welle feministischer Statements, auf dem Runway genauso wie in der Welt der Popkultur. Kritische Stimmen behaupten, dieser „Beyoncé-Feminismus“ fördere nicht die Forderungen nach Gleichheit — sondern entziehe den Botschaften, einmal in den Strudel der Mode geraten, gar ihre Bedeutung.

Dem stimme ich nur teilweise zu. Wenn hinter der Verbreitung der modischen Botschaften jemand steht, der daran ein wirkliches Interesse hat, sind diese modisch-feministischen Statements eine wichtige und richtige Sache!

Ich zum Beispiel bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die uns durchgebracht hat. Das Thema Feminismus hat viel Platz in unseren Gesprächen eingenommen. Meine Marke habe ich dann ebenfalls in einem weiblichen Umfeld hochgezogen. Praktisch alle, die mich privat als auch karrieretechnisch dort hin gebracht haben, wo ich heute bin — von meiner Mutter bis zu Anna Wintour — waren Frauen. Wie könnte ich da kein Feminist sein?

Prabal Gurung: „Die Zukunft ist weiblich.“

Und was für einer. Zur Förderung benachteiligter Mädchen haben Sie sogar eine Stiftung gegründet.

Das war vor fünf Jahren. Sie startete mit dem Ziel, Kinder, insbesondere Mädchen zu unterstützen, die sonst mitnichten eine Chance auf Bildung hätten. Ich glaube, das ist der einzig richtige Weg. Die Zukunft ist weiblich. So sollte es sein, denn die Welt wurde lange genug von Männern gebaut. Jetzt sind die Frauen dran! Meiner Meinung nach wäre die Welt dann ein deutlich interessantere Ort zum Leben.

Designer Prabal Gurung nimmt den Applaus des Publikums nach seiner Show entgegen. Aufgenommen während der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2018 im Kaufhaus Jandorf. (Foto von Brian Dowling/Getty Images für Prabal Gurung)

Warum?

Ich glaube, dass Frauen die Welt durch einen anderen Blickwinkel betrachten. Sie sind einfühlsamer, haben eine höhere Schmerzgrenze. Ich bin in einem Land aufgewachsen, wo, zumindest in ländlichen Gebieten, Männer oft alles versoffen haben, was sie verdienten. Frauen hingegen haben mit ihrem Einkommen die Familie ernährt. Der weibliche Instinkt basiert auf Erfahrung und Emotion. Das halte ich für eine gute Sache.

Wie kann Mode Frauen mehr Macht geben?

Durch Handeln! Das bedeutet: Frauen einstellen; sichergehen, dass Frauen — verschiedenartige Frauen — in der Modewelt in Führungspositionen sitzen.

Momentan scheinen politische Statements überall en vogue. Sie selbst haben Hilary Clinton im Wahlkampf unterstützt und gestalteten für die aktuelle Resort 2018 Kollektion zum wiederholten Mal Message-T-Shirts. Glauben Sie, dass Sie als Designer mit internationaler Reichweite eine gewisse Verantwortung haben, auch politisch ein Zeichen zu setzen?

Definitiv. Wobei ich denke, dass jeder Einzelne eine gesellschaftliche Verantwortung hat. Wir sollten uns alle fragen, warum wir heute politisch da stehen, wo wir stehen. Nicht nur in Amerika, sondern überall auf der Welt. Ich glaube, in den Schlamassel sind wir aus Faulheit geraten. Wir leben in Zeiten von Bullshit TV. Momentan haben wir einen Mangel an guten Inhalten, keiner wollte mehr über irgendetwas mit Substanz sprechen. Die Mode verkam zu einem Fluchtort. Hauptsache, sie bringt uns weg!

„Mode ist mein Motor — und deshalb bin ich auch an anderen Dingen interessiert.“ – Prabal Gurung

Die Mode soll kein Ort zum Träumen sein?

Mode ist eine direkte Reaktion auf die Welt, in der wir leben. Ich persönlich liebe Mode mehr als jeder andere! Ich liebe Models, den Laufsteg; ich liebe einfach all diesen Kram. Mode ist mein Motor — und deshalb bin ich auch an anderen Dingen interessiert.

Prabal Gurung Show – Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2018 ©Frazer Harrison/Getty Images for Mercedes-Benz and ©Brian Dowling/Getty Images for Prabal Gurung

Darum ist die Mode so ein gutes Medium für politische Botschaften.

Genau. Aber das funktioniert nicht nur über T-Shirts. Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf eine Party und fragen eine Bekannte, was sie da für ein hübsches Kleid trägt. Anfangs scheint sich daraus eine leichte Unterhaltung zu entwickeln. Aber dann geht es über die Fragen nach „wo kommt das her“ und „wo wurde das gefertigt“ bis hin zu „wer hat das unter welchen Bedingungen genäht“ in eine vollkommen andere, tiefe Richtung.

Die Bekannte geht dann weg und Sie denken, dass die Frau bis eben fabelhaft war in ihrem hübschen Kleid — jetzt ist sie obendrein interessant. Im Kern ist das die Art von Frau, die ich im Kopf habe, wenn ich meine Kollektionen gestalte.

Mit dem Slogan „I am an immigrant“ schickten Sie eines Ihrer Models über den Laufsteg. Mode und Migration sind ebenfalls zwei Schlagworte, die momentan in der Luft liegen. Inwiefern beeinflusst Ihre Biografie Ihre Mode?

Meine Wurzeln sind meine Identität. Geboren in Singapur, aufgewachsen in Nepal — da komme ich her. Allerdings lebte ich auch zehn Jahre in Indien, zog dann nach London und Australien und kam schließlich nach New York. All diese Orte, in denen ich wohnte, haben mein Wesen beeinflusst. Das spiegelt sich mal mehr oder weniger in meinen Kollektionen wieder.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass von Ihnen aufgrund Ihrer Herkunft erwartet wird, „exotische“ Mode zu machen?

Menschen haben Erwartungen, keine Frage. Ich höre häufiger mal: „Weißt du, du solltest ein bißchen mehr ethnisches Zeug machen.“ Mir ist das sowas von egal. Jeder kann denken, was er will. Ich möchte nicht arrogant erscheinen aber ich bin mir sehr sicher, dass ich weiß, welche Art von Kleidung ich persönlich machen möchte.