Während wir unsere Berichterstattung auf Achtung Digital zur Pariser Modewoche häufig auf Talente aus dem deutschsprachigen Raum konzentrieren, war in dieser Saison der Paris Fashion Week AW17/18  klar, dass wir auch den französischen Nachwuchs gründlich unter die Lupe nehmen wollen. Immerhin widmen wir unsere kommende Printausgabe, die dieser Tage erscheint, der Stadt aller Städte: Paris. Auch in einem Jungdesignerspecial stellen wir viele frische französischen Labels vor.

Gleich am ersten Tag der Modewoche präsentierten viele spannende junge Brands, darunter Koché, Jacquemus und Y/Project, ihre Kleider für die Herbst-Wintersaison 2017/18 — die ersten Tage der Pariser Modewoche gehören primär den Nachwuchskreativen. Viele deutschsprachige Talente zeigten dieses Mal ganz am Ende der Woche: die Schweizer Ottolinger und die Österreicher Wendy Jim am Montag, das Berliner Label Nobi Talai gar am Dienstag Nachmittag. Eine schöne Klammer, finden wir. Deshalb haben wir uns diese Talente einmal genauer angeschaut.

Koché

Für Kristelle Kocher ist Mode Handwerkskunst — und darin sind die Franzosen bekanntermaßen Profis. Die Elsässerin liebt den Umgang mit Material und die besondere Arbeit der petit mains. Seit 2010 ist sie Artistic Director von Maison Lemarié, einem von Chanels Handwerksateliers. Für ihr eigenes Label Koché, das sie 2014 gründete, paart sie die Errungenschaften der Couture mit einem frischen, streetstyle-tauglichen Look.

Das alte und das neue Paris miteinander zu verschmelzen und daraus etwas Neues zu erschaffen, ist ihr mit der Präsentation der Herbst-Winterkollektion 2017/18 erneut gelungen. Im Festsaal der historischen Paris-Instanz Folies Bergère, einem 1869 eröffneten Varieté-Theater, schickte sie ihre Kreationen an ganz unterschiedlichen, streetstyle-kompatiblen Typen, nicht aber klassisch schönen Modellen, die breite Treppe hinunter und zwischen den Spalier stehenden Gästen hindurch. Couture-Finishings gab es dieses Mal etwa in Form von zarten Spitzenblusen zu sehen, die unter sportlichen Streifenkleidern oder Polo-Pullis aus Satin hervorlugten. Oder an reichlich bestickten glänzenden Kastenjacken, die sie dann zu weiten Baggy-Jeans kombinierte.

Jacquemus

Fashion-Lover überall auf der Welt sind dem jungen Franzosen Simon Porte Jacquemus verfallen. Vielleicht, weil die Mode seines Labels Jacquemus so aussieht, wie man sich Frankreich am liebsten vorstellt: ein wenig Cote d’Azur hier, Canard und Champagne da, zwischendrin Chanel und Couture und allerorts legalité, egalité, laissez-fairewas wohl gleichzeitig jenem romantisch-verklärten Bild entspricht, das sich der Teach-it-yourself-Designer selbst von seiner Kindheit in den 90ern im Süden Frankreichs macht.

Mal sind seine Kollektionen inspiriert vom Strandurlaub im Kultort La Grande Motte, mal eine Danksagung an die wichtigste Frau in seinem Leben: mais oui, sa mère. Oder, wie in dieser Saison, eine Homage an den französischen Altmeister der Mode, Christian Lacroix, den er als Teenager in seinem Dorf zufällig mal kennengelernt hat. Architektonisch anmutende Keulenärmel, überzeichnete steife Silhouetten und eine reduzierte Farbgebung in Schwarz und Weiß, Anthrazit, Nachtblau und Rosé bilden das Grundgerüst der Kollektion, die mit den Codes klassischer Couture fröhlich spielt. In Erinnerung bleiben die skulpturalen schwarzen Matrosen- und Topfhüte, wie sie der Pariserin schon vor 100 Jahren gut standen.

Y/Project

Ein junges Label, dessen Mode es über Instagrams Grenzen hinaus bis auf die Straße schafft, ist selten. Bei Y/Project hat es geklappt und das war gar nicht so schwer. Designer Glenn Martens, einer der wenigen in Paris lebenden Modemacher aus Belgien, schnippelt die schon jetzt ikonischen Jeans des angesagten Labels ganz einfach in Überlange. Wem an der Fashion-Crowd in letzter Zeit also Hosenbeine aufgefallen sind, die entweder bis zum Schritt umgeschlagen oder hochgeshoppt oder sonstwie lässig dekonstruiert waren, weiß jetzt, auf wessen Konto sie gehen.

Das Stauchen und Puffen und Bauschen der Denimbeine scheint Martens richtig Spaß zu machen. So sehr, dass er in der Herbst-Winterkollektion 2017/18 auch Hosen aus Samt, Tüll oder technischen Fasern schoppt, genauso wie kilometerlange Oversize-Overknee-Stiefel, Ärmel, Jacken und des Kleides Rumpf — also alles, womit sich der Stoffverbrauch mal eben multiplizieren lässt. Die minimalen Zeiten sind vorbei! Expressives Leder, extravagante Pelze und exquisite Schleifenkonstruktionen machen Martens Markenzeichen laufstegtauglich.

Ottolinger

Weil auf dem Schild ihres ersten gemeinsamen Ateliers im beschaulichen Örtchen Stein in der Schweizer Heimat „Ottolinger“ stand und sämtliche Stofflieferanten immer dort klingeln mussten, hatten sich Christa Bösch und Cosima Gadient bald so sehr an den Namen gewöhnt, dass die Schweizerinnen kurzerhand ihr Label danach benannten. Mittlerweile lebt und arbeitet das Designerduo in Berlin, bewegt sich im hippen Dunstkreis von Stylist Marc Göhring und PR-Bub Mumi Haiati und hat es dank des Supports von Vfiles und Made in kürzester Zeit bis nach New York und Paris geschafft. Cooler geht es gerade kaum!

Mit ihrer Mode verfolgen Bösch und Gadient einen künstlerischen Ansatz. Für ihre in Paris im Palais de Tokyo präsentierte dystopisch anmutende Kollektion irgendwo zwischen subkultursexy und stark spielten sie wieder mit dem Feuer. Während vergangene Saison Jacken und Pullover echte Brandlöcher hatten, wurde in dieser Saison gekokelt: Der Labelbname Ottolinger hat sich so im wahrsten Wortsinn etwa auf die Ärmel einer Jeansjacke eingebrannt. Ansonsten gab es viel Zerfetztes, Fransiges, Gebatigtes und asymmetrisch Drapiertes zu sehen. Schöne Lumpen, für die Fashion Victims tief in die Tasche greifen werden: So eine verbrannte Jacke kostet in ihrem Online-Shop locker 1.000 Euro.

Wendy Jim

Hermann Fankhauser und Helga Ruthner sind alte Hasen im Business, aber seit ein paar Saisons wieder in aller Munde. Vielleicht, weil Mode wie die der beiden österreichischen Helmut-Lang-Schüler, die immer an der Grenze zwischen Kunst, Straße und Ballaballa balanciert, gerade total gefragt ist. Ihrem Ruf, „outside the box“ zu denken, wurden sie jetzt in Paris mal wieder gerecht.

In der österreichischen Botschaft inszenierten sie ein wahrlich spritziges Spektakel. Models, mal stehend, mal hockend, teils mit freigelegtem Po, lief über geschickt arrangierte Schläuche das Wasser förmlich aus sämtlichen Öffnungen des Körpers in hohen Strahlen hinein in dafür vorgesehene Plastikeimer. Damit der Botschafter nicht über Wasserflecken auf dem Parkett meckern kann, wurden Handtücher darunter gelegt. Die Inszenierung glich wahrlich mehr einer Kunstperformance denn einer Modepräsentation. Wie gut, dass es Bilder des Ereignisses gibt — an die gezeigte Mode hätte man sich bei so viel Bohei ansonsten nur spärlich erinnern können.

Nobi Talai

Müsste man Nobieh Taleis Mode unter ein Motto stellen — es lautete wohl multicouturell. Die in Berlin lebende Designerin mit iranischen Wurzeln, die ihr Label der Einfachheit halber Nobi Talai nennt, fühlt sich in vielen Kulturen zu Hause. Das sieht man ihren Kleidern an, die einerseits von orientalischen Nomaden, andererseits vom Stil eleganter Großstädter gezeichnet ist. So viel Internationalität passt naturellement am besten nach Paris. In der vergangenen Saison feierte Talaei ihr Runwaydebut in der Mutter aller Fashionstädte. Für die aktuelle Präsentation ihrer Herbst-Winterkollektion 2017/18 hätte sie sich in Sachen Kulturaustausch keinen besseren Ort aussuchen können als eine Kirche: die American Cathedral in der Avenue George V.

Die Kleider, die den langen Weg zwischen den Kirchenbänken zum Altar und wieder zurück schweben, leisten ihren Beitrag zur Völkerverständigung ganz exquisit — nur eben auf stofflicher Ebene. Fließende Seidenblusen und -Hosen mit sanften Faltenlegungen, die an der Taille oder am Handgelenk mit teils flatternden Bändern festgehalten werden, erzählen von orientalischen Wurzeln und gleichzeitig von einem kosmopoliten Leben. Edle Wollmischungen, teils geplüscht, sind für kalte Wüstennächte genauso wie europäische Winterabende zu empfehlen. Talaeis Talent liegt in dem geschickten Verknoten, Überlagern und ineinander Verschmelzen verschiedener Schichten, weswegen die Winterkollektionen bislang immer einen Tick stärker ausfallen. Ganz einfach, weil sie hier mehr Lagen Stoff zum Spielen hat.

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