Wer in letzter Zeit einmal dem Bikini Berlin einen Besuch abgestattet hat, trifft auf freie Ladenflächen und menschenleere Gänge. Selbst an einem am angrenzenden KuDamm so verkaufsstarken Samstag Nachmittag kann man hier mitnichten über Menschenmassen und lange Schlangen vor den Umkleidekabinen klagen. Einzig die Terrasse mit Blick auf das Affengelände wird zumindest bei Sonnenschein freudig angenommen. Als am 3. April 2014 — vor drei Jahren —das Einkaufszentrum aus den 50ern mit viel Bohei wiedereröffnet wurde, klang das wie ein Versprechen zur Wiederbelebung des Berliner Westens. Der wiederum entwickelt sich tatsächlich prächtig; zieht verstärkt junge Leute an. Das Flagschiff hingegen kaum.

Neuer Odeeh Space im denkmalgeschützten Anton-von-Werner Haus. Alle Fotos: Andreas Bohlender

„Neues Kaufen“ lautete der Slogan, mit dem die Agentur von Christian Boros damals für die etwas andere Shopping Mall warb, in der mit Andreas Murkudis, Gestalten und Odeeh Konzepte einzogen, die dem schnellen Modesystem und den großen Ketten des KuDamms etwas Wertiges entgegen setzen wollten. Heute klingt das eher nach einer generellen Aufforderung zur Konsumverweigerung. Gestalten und Andreas Murkudis haben dort genau wie andere ihre Zelte abgebrochen. Auch das Würzburger Label Odeeh von Otto Drögsler und Jörg Ehrlich ist seit Anfang April 2017 raus aus dem Mietvertrag. Zwischenzeitlich waren sie hier schon auf eine kleinere Ladenfläche gezogen. Man darf das so unverblümt sagen: Sie haben etwas tolles Neues gefunden.

Odeeh zieht weg vom Bikini Berlin. In ihrer neuen Nachbarschaft rund um die Potsdamer Straße sind sie in guter Gesellschaft.

Während das Bikini Berlin nämlich kränkelt, entwickelt sich eine andere Nachbarschaft ganz prächtig: der Kiez um die Potsdamer Straße. Einst florierte hier besonders das horizontale Gewerbe. Dann zog die Kunstwelt hinterher. Heute befinden sich auf dem quirligen Streifen zentral gelegen zwischen Schöneberg, Tiergarten und Mitte zwischen Dönerbuden und Trödelläden auch Galerien, Cafés und Restaurants. Ateliers, Showrooms und Modeboutiquen. Man stelle sich das so vor wie Berlin-Mitte Anfang der 2000er, als die Ecke um den Hackeschen Markt sich gerade erst für das neue Jahrtausend herausputzte. Andreas Murkudis und Acne waren 2003 damals die ersten, auf denen Mittes Modewelt fußte. Heute sind sie die ersten auf der Potsdamer Straße — und eine hervorragende Nachbarschaft für das spannende deutsche Label Odeeh.

Odeeh in der Potsdamer Straße: Auch eine feine Interior-Auswahl gibt es neuerdings.

Potsdamer Straße 81A — im selben Innenhof wie die berühmte Andreas Murkudis Boutique im ehemaligen Tagesspiegel-Komplex haben Drögsler und Ehrlich ihrer farb- und musterfreudigen Mode ein neues Dach über dem Kopf gegeben. Ihre Räumlichkeiten direkt gegenüber sind nicht weniger geschichtsträchtig. Gefunden haben sie das Anton-von-Werner Haus, eine heute denkmalgeschützte Villa benannt nach dem gleichnamigen Maler. Der ließ sie 1873 von Architekt Ernst Klingenberg entwerfen. Im Jahr 1988 machte man nach zahlreichen Umbauarbeiten eine kostbare Entdeckung: Unter den vielfältigen Farbschichten an Wänden und Decken offenbarten sich von Werners prachtvolle Malereien, die die künstlerische Darstellung zu Gründerzeiten dokumentierten.

Odeeh Potsdamer Straße: Die neue Odeeh Boutique ist mehr als ein neuer Laden. Die Räumlichkeiten dienen auch als Workspace, Showroom und Location für kleinere Events.

Was für eine Herausforderung für Team Odeeh: die wertvollen Wände ihres neuen Ladens durften weder übertüncht noch bebohrt werden. Und so ist ein herrlicher Kontrast entstanden zwischen dem künstlerischen Altbau und einem eher industriell und kontemporär anmutenden Interior. In vier L-förmig miteinander verschachtelten Räumen leuchten die kunterbunten Entwürfe von eher schlichten, metallisch-industriellen Stangensystemen umso mehr. Kunden können entspannt im Sortiment stöbern. Neben Odeeh werden hier übrigens auch Taschen der deutschen Ledermarke Stiebich & Rieth verkauft sowie einige ausgewählte Stücke des Denimlabels Ampers & Heart. Dazu Interior-Designobjekte wechselnder Designer.

Typisch Berlin: Eine Altbauwohnung mit knarzenden Dielen lädt zum Bummeln ein

Die neue Odeeh Boutique ist mehr als ein neuer Laden. Auch das Konzept hat sich verändert. Die Räumlichkeiten dienen nämlich auch als Workspace, Showroom und Location für kleinere Events. Zum Gallery Weekend werden hier etwa einige Werke vom Künstler Robert Barta präsentiert; auch den einen oder anderen Cocktail zur Fashion Week kann man sich in der Altbauwohnung mit den knarzenden Dielen gut vorstellen. Durch die offene Architektur kommt es, dass Besucher des Ladens auf ihrem Weg durch die Räume praktisch direkt im Lager und Büro des Ladens stehen, der sich im Durchgangsraum — einem Berliner Zimmer — befindet. Der präsentierten Kleidung wird so eine ganz neue Form von Kontext mitgegeben. In so einer offenen Architektur muss sich nichts verstecken!

Gegenüber bei Murkudis hält man es übrigens ganz ähnlich. Da verbirgt sich das Warenlager lediglich hinter semi-transparenten Metallgittern; als Kubus im Raum. Das ist schön, denn welcher Kunde glaubt denn heute noch daran, dass die paar wenigen Waren, die er vorne auf der Ladenfläche sieht, die einzigen sind, die es dort tatsächlich zu kaufen gibt. Getreu dem Motto je leerer der Laden desto wertvoller die Produkte. Das haben die modischen Vordenker in diesem Kiez nicht nötig. Suchte man einen Slogan für das neue Shopping-Quartier der Potsdamer Straße — wir wären stark für „Ehrliches Kaufen“.

Alle Fotos: Andreas Bohlender

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