Die Designer Otto Drögsler und Jörg Ehrlich arbeiten bereits seit zwanzig Jahren gemeinsam für verschiedene internationale Marken. 2009 gründeten sie ihr eigenes Womenswear Label, Odeeh — eine Hommage an fröhliche Muster, hochwertige Stoffe und Schnitte in rar gewordener Atelier-Qualität. Jetzt wurden sie mit der kreativen Leitung von Meissen verpflichtet, Deutschlands ältester Porzellanmanufaktur. Odeeh x Meissen: Drögsler und Ehrlich besetzen als Team die neu geschaffene Position des Kreativdirektors.

Mit dem bereits letztes Jahr begonnenen Wiederaufbau von Design- und Gestalterkompetenz im eigenen Hause kehrt die Manufaktur somit zu einem Konzept der hauseignen Produktentwicklung in neuer Form zurück. Im Interview mit Achtung Digital sprechen die kreativen Köpfe über das Potential von Porzellan und die Herausforderungen der Arbeit an einer Marke zwischen Tradition und Zukunft.

Achtung Digital: Die Porzellanmanufaktur Meissen hat eine über 300-jährige Geschichte. Wie wollt ihr zukünftig die Balance schaffen zwischen Tradition und Zeitgeist?
Otto Drögsler und Jörg Ehrlich: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe der Fackel“: Dieser wahre Satz vom Komponisten Gustav Mahler beschreibt am besten, was wir mit dem Meissner Team leisten wollen. Uns geht es im Prinzip darum, die Historie des Hauses zu beleuchten, zu bewerten und immer wieder in frisches Licht zu rücken. Tradition an sich ist ja etwas Gutes. Wenn man sie als Herausforderung begreift, alles sogenannte „Alte“ in etwas Neues zu verwandeln.

„Wir lieben Einzelstücke. Ein Tisch muss nicht immer komplett und eindeutig nur mit einem Service gedeckt sein.“

Ihr seid Modedesigner und setzt euch normalerweise mit textilen Materialien auseinander. Was schätzt ihr hingegen am „weißen Gold“ Porzellan?
Wir schätzen das Unbekannte. Der Entstehungsprozess von Porzellan ist ein komplett anderer als bei einer Modekollektion, sehr viel komplexer und es dauert länger. Die Herausforderung, die Grenzen der Verwendbarkeit zu finden und auszuloten — das wird sicher spannend und wir freuen uns auf die Arbeit mit den Spezialisten vor Ort.

Was macht für euch gute tableware aus?
Gute tableware muss vor allem: funktionieren. Das ist es wie bei der Mode. Sie sollte beeindrucken, auffallen, Freude bereiten. Aber sie muss auch die Tischkultur von heute aushalten. Das heißt für uns: Sie muss flexibel sein und nicht allzu empfindlich. Variabel einsetzbar und gut kombinierbar. Wir lieben zum Beispiel Einzelstücke. Ein Tisch muss nicht immer komplett und eindeutig nur mit einem Service gedeckt sein.

An unserer Modemarke Odeeh lieben wir zum Beispiel das Spielerische, Entspannte. Das ist nicht anders, wenn wir ein Abendessen inszenieren, Freunde einladen oder ein offizielleres Essen organisieren. Ein schöner Tisch sollte Spaß machen. Freunde treffen oder mit der Familie gemeinsam an einem schönen gedeckten Tisch sitzen — das ist doch etwas Kostbares, was entsprechend zelebriert werden sollte.

„Spezialistentum ist etwas Besonderes in dieser Zeit. Das werden wir pflegen und unterstützen.“

Besitzt ihr selbst ein Tischservice aus Porzellan?
Wir selbst freuen uns auf unser erstes Meissen Service, besser gesagt auf unsere ersten Meissen-Stücke im Schrank. Die werden wir sicher mixen mit dem, was wir schon haben. Allzu komplett ist eben nicht unser Ding.

Zu Hause haben wir bereits wunderschöne Vintage-Teller verschiedenster Herkunft. Da ist auch der eine oder andere von Meissen mit dabei. Otto hat sie nachträglich übermalt, anschließend wurden sie in einer Bamberger Manufaktur neu gebrannt. Die tauchen immer wieder auf den diversen Tischen auf und sorgen für Gesprächsstoff. Und darum geht es ja bei einem guten essen: Reden, Spaß haben und etwas Neues sehen. Das nennen wir Genuss auf allen Ebenen.

Odeeh und Meissen — das wird sich gegenseitig beflügeln.

Neben klassischen Tischwaren gibt es bei Meissen auch Kunst, Interior und Schmuck. Wird auch Mode zukünftig (wieder) eine Rolle spielen? Mit Meissen Couture gab es in der Vergangenheit ja bereits einen entsprechenden Anlauf…
Nein. Man weiß nie, was mal in ein paar Jahren sein wird. Aber zunächst gilt: Alle Kraft dem Porzellan. Darin steckt so viel Potential. Im Schmuck wird es sicher neue Projekte geben, ebenso im künstlerischen Bereich. Wer hat schon eine so lange Historie, so unglaublich tolle Archive und ein Team von Porzellinern, die über jahrelanges know how verfügen. Da gleich mit andern Dingen oder Mode kommen zu wollen, wäre dumm. Spezialistentum ist etwas Besonderes in dieser Zeit. Das werden wir pflegen und unterstützen.

Wie wird sich die neue Rolle als Kreativdirektoren bei Meissen zukünftig auf Odeeh auswirken?

Sicher positiv, wir können hier irre viel lernen, sehen wunderbare Dinge. Und können sicher viel Input geben, schließlich geht es wie bei Odeeh: um Luxus, um Wertigkeit und ein hohes Maß an Qualität. Odeeh und Meissen — das wird sich gegenseitig beflügeln. Da sind wir uns sicher.

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