Kunst und Design stehen sich nahe. Designer werden Künstler oder lassen sich zumindest von ihnen inspirieren. Anders herum werden die Künstler selbst oft von Lifestylemarken verpflichtet. Und manchmal entstehen ganz einfach Kunst- oder Stilprojekte, die irgendwo zwischen diesen beiden Welten mäandern. In schöner alter Readymade-Tradition.

Ein solches Projekt kommt derzeit vom Berliner Konzeptkünstler Michael Müller. In der Galerie Thomas Schulte hatte er in diesem Jahr bereits eine Modelinie gemeinsam mit dem Designer Vladimir Karaleev entworfen. Und dann innerhalb des performativen Aktes einer Umkleidekabinensituation dort präsentiert. Ebenfalls Teil der dort zu sehenden Gesamtausstellung „Teil 33. Nachlass zu Lebzeiten“ ist eine Beauty-Linie, die genau wie andere Objekte der Ausstellung die Frage aufwirft: Wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Kunst und Kommerz?

Parfum, Seife, Hand- und Nagelcreme: Michael Müller betont, dass alle Produkte seiner Body Care Serie tatsächlich auch benutzt werden können — auch nach der Ausstellung kann diese in einer limitierten Auflage in seinem eigens dafür eingerichteten Webshop erworben werden.

Michael Müllers “Working Class Heroine” macht schmutzige Ränder unter den Fingernägeln

Die Frage ist, ob man das will oder sie sich doch lieber als system-reflektierende Objekte ins Regal stellt. Seine Linie umfasst nämlich Artikel wie die „Working Class Heroine“, eine Creme, die schmutzige Ränder unter den Fingernägeln zaubert! Und damit nicht unbedingt Schönheitsideale hinterfragt, wohl aber einen Beitrag zur Sichtbarmachung sozialer Unterschiede leistest.

Auch die Überhöhung des Künstlers selbst wird mit Michael Müllers Bodycare hinterfragt. Die „Performance Soap“ kommt etwa als Stück Seife daher, in welche Müller, sozusagen als Signatur, durch den Akt des Quetschens seinen geballten Handabdruck hinterlassen hat. Möchte man diesen durch die Benutzung der Seife wegspülen? Überhaupt, möchte man das Kunstwerk durch Benutzung im Nichts auflösen?

Noch intensiver setzt sich der Duft „L’odeur de l’artiste“ mit der Anwesenheit des Künstlers innerhalb seines Werkes auseinander. Denn in diesem Eau de Parfum befinden sich auch ein paar Tropfen von Michael Müllers Schweiß! Der Kult um den Schöpfer eines Kunstwerkes wird damit auf die Spitze getrieben: In Zeiten, in denen Künstler wie Popstars gefeiert werden, kann so jeder ein Stück seines Idols besitzen, seine Präsenz gar am eigenen Leib spüren und inhalieren — bis der Flakon (übrigens ein in Beton gegossener Handabdruck) leer ist.

Müller selbst freue sich übrigens, wenn seine Produkte tatsächlich auch Anwendung finden. Und zumindest für die 100 Käufer der limitierten Parfums überlegt er, ein „Refill“ anzubieten. Damit sich Sammler oder Beauty-Fans auch weiterhin mit der Aura von Kunst und Künstlern einnebeln können.
Für alle Interessierten wird Müllers Beautylinie gemeinsam mit seinen anderen Entwürfen zwischen Kunst und Kommerz übrigens während der Kunstmesse Art Berlin (im Rahmen der Berlin Art Week) im September in Form eines Concept Stores am Stand der Galerie Thomas Schulte eröffnen. So, wie die Installation dort in in diesem Jahr schon zu sehen war. Alle Infos dazu gibt es auf der Website der Galerie.