Gearbeitet wird bei Marcus Kurz weit über die letzte Minute hinaus. Aber: “Die Belastung ist leichter zu ertragen, wenn man für seine Sache brennt und am Ende ein Ergebnis da steht, was wertgeschätzt wird.” Die Berliner Modewoche ist bereits am Ausklingen, als wir den engagierten Co-Initiator des Berliner Mode Salons und Gründungsmitglied des Fashion Council Germany treffen, um mit ihm über die gerade zu Ende gegangene Modewoche und ihre Zukunft zu reden.

Kaum ein anderer – mal abgesehen von Vogues Chefredakteurin Christiane Arp vielleicht – bietet sich dazu derzeit besser an an als Kurz. Seit 1995 lebt und arbeitet er in der deutschen Hauptstadt und kennt die frühen Bestrebungen von Berlin als Modestadt.  Damals gab es hier nur die Modemesse AVE. Berliner Urgesteine wie Thatchers oder Jörg Pfefferkorn zeigten ihre Entwürfe an selbst gebastelten improvisierten Ständen und alles war neu und cool. Kurz arbeitete eine Zeit lang als Showroom Model und kam so auf die wichtige Pariser Messe Tranoi. Früh lernte er dort, wie Mode auf internationalem Niveau funktioniert. Zwei Jahre arbeitete er auch im Vertrieb und als Pressesprecher eines Berliner Designers. Wissen, was ihm auch heute im Umgang mit den 40 Ausstellern des Berliner Mode Salons hilft.

Marcus Kurz im Gespräch mit Achtung Digital

“Damals gab es noch keine Förderung, nichts”, erzählt er heute. Also engagierte er sich selbst. Kurz beriet die Bread & Butter, organisierte die ersten Modenschauen der Premium und gründete die Kreativagentur Nowadays, die er nach wie vor führt. Obwohl der Berliner Mode Salon und seine Initiative im Fashion Council ein 356-Tages-Programm ist. Schließlich ist Kurz das gesamte Jahr über mit Einkäufern, Journalisten und dem Senat in Kontakt. Jetzt, nach vier vollgestopften Tagen, ist die richtige Zeit für ein Resumée.

Achtung Digital: Herr Kurz. MBFWB, DBMS, VS, FCG: Jüngst hat man das Gefühl, zur Modewoche herrscht in Berlin eine Schlacht der Akronyme wie in einem Song von Fanta Vier. Bringen Sie bitte etwas Licht ins Dunkel.

Marcus Kurz: Moment, da fehlen erst mal die Messen! Premium und Bread & Butter, die waren zuerst da und wurden unter dem Begriff Berlin Fashion Week zusammengefasst. Dann ist der Veranstalter IMG mit Mercedes-Benz als Partner mit Zelt und Schauen dazu gekommen, so entstand die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin: MBFWB.

Innerhalb der Berlin Fashion Week haben wir neben der MBFWB seit eineinhalb Jahren auch den von Christiane Arp und mir initiierten Berliner Mode Salon, DBMS, in dessen Rahmen auch der Vogue Salon stattfindet — das Nachwuchsförderungsprogramm der Vogue und der Grundpfeiler für den Salon. Der DBMS wiederum ist eine Plattform für deutsche Designer, um deutsches Modedesign auf einer schönen Bühne darzustellen. Er bietet neben Jungdesignern auch renommierten Marken eine Plattform. Für den sogenannten DBMS sind wir natürlich mit Condé Nast im Austausch, aber auch mit anderen Verlagshäusern wie etwa Burda oder Axel-Springer.

Vor einem Jahr kam das neu gegründete German Fashion Council dazu. Der FCG ist ein übergeordneter Verband mit einer Gruppe von Gründungsmitgliedern, die sich stark engagiert haben und aktive Lobbyarbeit für deutsches Modedesign betreiben und sich mit internationalen Verbänden vernetzen und austauschen wollen. Gemeinsam ist das, wie ich finde, die neue Definition von Berlin als Modestandort.

Warum?

Weil ich mir vorher nie erklären konnte, wofür Berlin in Sachen Mode und Design steht. Wie interessiere ich nationale und internationale Einkäufer und Presse für deutsche Mode und welchen Grund kann man ihnen geben, hierher zu kommen? Christiane Arp und ich haben ihnen einen geliefert. Er heißt DBMS, weil man in vier Stunden 50 ausgewählte relevante Designer entdeckt und sich so ein Bild machen kann vom Querschnitt guter deutscher Mode.

»Bei uns gibt es Business Talk und keinen Chichi.«

Adrian Runhof sagte vergangene Saison in einem Interview mit Achtung Digital, der Berliner Mode Salon würde endlich „die Spreu vom Weizen trennen“. Vergleicht man die MBFWB mit dem DBMS: Wer ist die Spreu und wer das Weizen?

(Zögert) Grundsätzlich geht es doch um zwei Dinge: Standort und modische Relevanz. Für den Standort ist es extrem wichtig, dass es viel zu kommunizieren, sehen und hören gibt. Da sollten sich alle Atome zu einem stärkeren Molekül zusammensetzen und miteinander arbeiten. Entscheidend ist, dass man kommerzielle, nicht-kommerzielle genauso wie avantgardistische Geschichten hat. Die Mischung macht’s.

Was die Relevanz angeht: Für Brancheninteressierte und Branchenprofis sind wir aus unserer Sicht schon wegweisend. Bei uns sollen sich die Besucher auf einer gehaltvollen Ebene austauschen. Wir haben eine Ruhe und Leichtigkeit in der Veranstaltung. Das heißt, es gibt Business Talk und keinen Chichi …

… keinen Chichi wie im Mercedes-Benz Zelt, wie man gelegentlich hört? Es soll ja Modejournalisten geben, die seit geraumer Zeit kein Event dort mehr besucht haben, weil es angeblich gar nicht mehr um Mode ginge …

Beim DBMS hat der Besucher hinterher einen Überblick. Unsere 1500 Gäste verlassen dann den Salon und tragen ihr neues Wissen hinaus auf einen Weg, der den Designern hoffentlich etwas zurückbringt. Und was Spreu und was Weizen ist, beantworten auch die Medien. Christoph Amend (Chefredakteur ZEITmagazin, Anm. d. Red.) hat just gesagt, er habe immer auf die Relevanz der Berliner Modewoche gewartet. Jetzt hätte er sie – dank des Berliner Mode Salons.

Vielleicht ist die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin in ihrer derzeitigen Form einfach over?

(Zögert) Ich sage jetzt nicht over, aber schon etwas kopf- und konzeptlos. Ich glaube nicht, dass man ein Konzept zehn Jahre lang unverändert lassen kann. Das waren auch meine Gespräche mit IMG damals: zu sagen es geht in vorderster Front um Mode. Um Inhalt. Um Kollektionen. Außerdem brauchen die Designer Beratung. Warum sollte ein Jungdesigner etwa versuchen mit 30 Looks einen Schauenslot für 700 Leute zu füllen, obwohl er besser mit 15 Teilen vor 150 Leuten beginnt, weil das eine starke Präsentation und keine verwässerte Aussage wäre? Glatt am Ziel vorbei geschossen! Es ist ein anderer Umgang mit Mode als der, den wir pflegen.

“In Berlin ist es sehr förderlich, dass alle Veranstalter an einem Strang ziehen wollen — weil es für die Stadt förderlich ist.”

In einigen anderen internationalen Städten gibt es zwei oder sogar noch mehr Fashion Weeks, die unabhängig voneinander zu unterschiedlichen Terminen abgehalten werden. Die Zukunft von Berlin?

Eigentlich ist es in Berlin sehr förderlich, dass alle Veranstalter an einem Strang ziehen wollen — weil es für die Stadt förderlich ist. Letzen Endes geht es auch um Zahlen und Umsatz. Wie viele Hotelbetten wurden belegt, welchen Einfluss hat es es auf die Gastronomie und so weiter. Eine Modewoche bringt der Stadt Geld in die Kasse.

Ich finde es deshalb prinzipiell schön, dass sich alle an einen Tisch setzen und die Daten zusammen festgelegt werden. Dass in Berlin die Präsentation von Männer- und Frauenmode zusammen gelegt ist, vereinfacht es den Leuten ungemein, hierher zu kommen. Auf einmal wird das ja wirklich überall diskutiert. Genauso wie den Handel in Form von Messen mit dem Event der Modenschau zu kombinieren – hier kennt man es kaum anders.

Sprechen wir über die aktuelle Saison. Die Veranstaltungen des FCG und DBMS standen dieses Mal ganz im Zeichen von langfristig angelegten Kooperationen mit international agierenden Partnern. Wie schafft man es, Swarovski oder H&M genauso wie Calvin Klein und Tommy Hilfiger für die Unterstützung deutscher Mode zu begeistern?

Da muss man jetzt wieder etwas aufpassen, das sind ganz unterschiedliche Geschichten. Swarovski ist vergangenes Jahr Partner vom Vogue Salon geworden, nachdem Nadja Swarovski zu Gast auf der ZEITmagazin Konferenz Mode & Stil war und viel Potenzial in Berlin sah. Sie selbst fördert mit ihrer Initiative „Swarovski Collective“ den Modenachwuchs schon seit Jahren — aber nicht speziell in Deutschland. Das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Daraus ist die Vogue Salon Soirée entstanden, die nun erstmals stattfand. Swarovski steht international für Engagement in der Mode und Nachwuchsförderung. So ein Partner ist extrem glaubwürdig.

H&M wiederum hat auch einen eigenen Nachwuchsaward, aber bislang kein fortlaufendes Förderungsprogramm, wie es jetzt mit dem FCG gestartet wird. Das fand der Konzern spannend und hat sich mit dem FCG ziemlich schnell zusammen gefunden. In ein so großes Unternehmen wie H&M reinzugucken und professionelle Coachings und Zugang zu Kontakten zu bekommen, ist eine echte Chance für unsere Designer. Sie brauchen Unterstützung wo es nur geht.

Dann gab es während der Berliner Modewoche noch die Ausstellung „Sustainability & Style“ in der amerikanischen Botschaft zu sehen …

Das war eine wertvolle Kooperation des Fashion Council Germany, um gezielt eine Brücke zu den USA zu bauen. In der amerikanischen Botschaft fand der Sustainability & Style Cocktail statt, veranstaltet von Kimberly Mateau Emerson, der Gattin des US-Botschafters. Hinter den Kulissen gab es eine Kooperation mit US-Designern wie Calvin Klein oder Tommy Hilfiger, die ihre alten Stoffe zur Verfügung gestellt haben, damit eine Auswahl deutscher Designer daraus Looks entwerfen konnte.

“Ich glaube fest daran, dass es gerade jetzt einen Moment für die deutsche Mode gibt, der so vorher nicht da war.”

In Paris waren Sie mit dem Berliner Mode Salon in in der deutschen Botschaft zu Gast. Haben Sie eigentlich eine Schwäche für Botschaften?

Wir haben eine Schwäche für den richtigen Schlüssel. Und eine Botschaft kann ein großer Türöffner sein. Alles, was von einer Botschaft und insofern einer staatlichen Seite kommt, also den Absender eines Landes hat, hat eine ganz andere Kraft. So bekommt eine Veranstaltung ja auch einen Landesbezug. Außerdem sind das Einrichtungen, die uns auch wirtschaftlich verstehen und unterstützen.

Wird Mode, die in einer Botschaft gezeigt wird, immun gegen Kritik?

Vielleicht. Ein Stück weit schon! Die engagierte Lobby-Arbeit vom Fashion Council versucht ja grundsätzlich zu kommunizieren, dass Mode ein Kulturgut ist und wir tolle Mode und großartige Talente in Deutschland haben. Es wurde nur vergessen, diese permanent weiterzuentwickeln und zu unterstützen. Und wir waren, glaube ich, auch lange Zeit einfach nicht stolz darauf. Aus Frankreich oder Italien kennt man das nicht.

Man muss aber auch sagen es gab nie so viele deutsche Talente wie derzeit. Und ich glaube fest daran, dass es gerade jetzt einen Moment für die deutsche Mode gibt, der so vorher nicht da war. Annelie Schubert, die letztes Jahr den Grand Prix des Hyères Festivals gewann und jetzt eine Kollektion in den Werkstätten von Chanel entwarf, ist ein gutes Beispiel dafür.

Annelie Schubert ist ein Beispiel für gelungene internationale Reichweite. Gelingt das auch mit den bestehenden Mitgliedern und Partnern des Councils? Sind Berner, Bogner oder Fischer tatsächlich die Richtigen, um deutsche Mode langfristig für den internationalen Wettbewerb zu rüsten?

Jeder dieser Unterstützer gehört dazu! Man nehme zum Beispiel Breuninger, das ist ein deutsches Top-Haus mit einem Top-Markensortiment. Natürlich ist es wichtig und richtig, dass ein Haus mit einer solchen Reichweite, Positionierung und Reputation am Markt Vorreiter wird im Vortragen der deutschen Mode. Breuninger braucht das Storytelling und wir brauchen sie als Unterstützung für den Abverkauf. Das ist eine Win-Win-Situation!

Und für die internationale Vermarktung haben Sie gerade Luisaviaroma als Partner gewonnen. Der italienische Retailer wird deutsche Designer des DBMS zukünftig Online genauso wie Offline verkaufen.

Großartig! Andrea Panconesi (CEO Luisaviaroma; Anm.d.Red.) ist ein beeindruckender Mann, dem schon immer klar war, dass man die Jungdesigner fördern muss, weil sie die großen Namen von morgen werden sollen. Vor vierzig Jahren hat er als einer der ersten Kenzo verkauft und tut es immer noch. Und: Für Luisaviaroma ist Deutschland der stärkste Markt in Europa. Da wunderte sich Herr Panconesi, wie es sein könne, dass er praktisch keine deutschen Marken führe. Et voilà.

Jeder Partner, der Mode versteht und Modedesigner unterstützen möchte, ist dringend erwünscht und erforderlich!

Waren in dieser Saison viele Einkäufer im DBMS?

Wir hatten viele Retailer vertreten. Luisaviaroma natürlich, Mytheresa, Net à porter, Stylebop. KaDeWe, Breuninger, Lodenfrey. Auch ein paar kleinere wie das Modehaus Schnitzler aus Münster. Das waren nicht unbedingt nur Einkäufer. Aber es geht ja auch erst einmal darum, die Geschäftsführer zu überzeugen. Saks Fifth Avenue und Harvey Nichols waren übrigens auch da. Krass, Harvey Nichols! Das muss man sich mal überlegen!

Haben Sie eigentlich eine Liste mit potentiellen Wunschpartnern?

Jeder Partner, der Mode versteht und Modedesigner unterstützen möchte, ist dringend erwünscht und erforderlich! Natürlich haben wir unsere Liste mit Wunschpartnern. Das sollen vordergründig deutsche Unternehmen sein. Ich könnte mir gut vorstellen, mit einer Deutschen Bank oder Commerzbank zusammen zu arbeiten, die das Thema Financing forcieren. Oder ein Auto-Hersteller …

… vielleicht Mercedes-Benz?

Vielleicht Mercedes-Benz! Mit denen haben wir ja seit letzter Saison eine kleine Kooperation am Laufen. Mercedes hat sich die letzten zehn Jahre stark für Mode engagiert, das muss noch mal positiv betont werden. Das sind diejenigen, die Mode in Berlin promoted, als Thema etabliert und auch finanziert haben.

Vielleicht wird der Berliner Mode Salon irgendwann den Titel der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin „übernehmen“?

(Zögert) Ja, vielleicht kann das passieren, das müsste sich der bestehende Partner mit Mercedes überlegen. Wo sie stehen, wo sie hinwollen. Da braucht es eine kleine Re-Invention des Formates, das ist klar. Grundsätzlich sind wir ein sehr freundschaftlicher Expertenkreis. Es hat sich tatsächlich gefügt, dass da viele Leute der gleichen Meinung sind und uns fragen, wie sie uns unterstützen können.

Wolfgang Joop sagt: “Das ist nicht das Berlin, das ich kenne. Das ist ein neues Berlin.”

Tragen Sie selbst eigentlich auch deutsche Designer?

Wir sind ja noch etwas limitiert mit den Herren. Hien Le, dessen Design und Ästhetik ich sehr schätze, wollte mir vor der Saison zwei Outfits machen — wir haben es leider beide vergessen. Ich selbst trage gerne Anzüge von Purwin & Radzun, der Berliner Maßschneiderei. Das ist ja auch deutsche Mode. Was ich in dieser Saison toll fand, war Brachmann, weil die sehr reduziert sind und klare Linien haben. Aber Odeeh, Michael Sontag und René Storck haben jetzt die ersten Männerlooks gezeigt. Bei René habe ich direkt ein Outfit bestellt.

Wo ist denn die Menswear Designerin Sissi Goetze hin?

Da kriegen Sie mich jetzt. Es gibt eine Geschichte, die kenne ich aber nicht. Es wurde auf jeden Fall mit ihr gesprochen.

Warum fehlen im Berliner Mode Salon so erfolgreiche deutsche Designer wie Stephan Schneider und Lutz Huelle?

Wir stehen natürlich mit diversen Designern in Kontakt, die nicht oder noch nicht im Salon dabei sind. Ich wünsche mir noch Damir Doma, Kostas Murkudis, Frank Leder und auch Stephan Schneider. Wenn Sie einen Kontakt haben, geben Sie ihn mir!

Und wen ich mir wahnsinnig wünsche: Wunderkind. Wolfgang Joop war zur Gruppenausstellung im Kronprinzenpalais, hat sich alles begeistert angeschaut und mit jedem Designer gesprochen. Er war sichtlich berührt und ergriffen. Wolfgang sagte: ‚Das ist nicht das Berlin, das ich kenne. Das ist ein neues Berlin.‘