Mode ist Frauensache, das war bis vor ein paar Jahren noch ein gängiges Gesetz. Der Mann hüllte sich vorzugsweise in Business-Uniformen, wohingegen er seinen Status innerhalb der Gesellschaft über die Ausstaffierung der Dame an seiner Seite ausdrückte. Je geschmückter diese, desto höher seine Position. Genauso wie in anderen „klassischen“ Frauendomänen, etwa der Küche, sind es traditionell aber die Männer, die als Designer oder Köche den Ton angeben — wie eigentlich immer, wenn es um Führungspositionen geht. Das ändert sich nur schleppend.

Mehr Männer gestalten Mode für Frauen als Frauen selbst. Rund 60 Prozent aller Labels der internationalen Fashion Weeks werden von Männern designt, auch die Kreativdirektoren der großen Luxusmarken sind größtenteils: Männer. Phoebe Philo, Stella McCartney, Vivienne Westwood und Sarah Burton bilden eher die Ausnahme. Interessanterweise sind alle diese Damen Britinnen. In London scheinen die Uhren generell anders zu ticken. Ähnlich wie kürzlich in New York ist während der gerade stattfindenden London Fashion Week S/S17 der Frauenanteil unter den Designern tatsächlich höher als in Paris oder Mailand. Was sicherlich damit zu tun hat, dass sich hier mehr junge Brands auf dem Schauenplan tummeln und die Szene generell jünger ist.

Auch deshalb sind die Frauen hier alles andere als heimliche Disney-Prinzessinnen: Viele von den jungen Londoner Designerinnen kommen mit rotzig-trotzigen Kollektionen daher, deren stilistische Vorbilder lieber irgendwo zwischen Pippi Langstrumpf und der kleinen Mü liegen und zum kunterbunten Modestil der britischen Haupstädter gleichzeitig hervorragend passen. Am liebsten werden diese auch noch eigenwillig inszeniert.

Finstere Gefühle und absurde Situationen: Jakubowski zeigte ihre Modelle auf einem sich zu Kinderliedern drehenden Karussell
Finstere Gefühle und absurde Situationen: Jakubowski zeigte ihre Modelle auf einem sich zu Kinderliedern drehenden Karussell

Marta Jakubowksi

Das zeigte zum Beispiel Marta Jakubowski gleich zu Anfang dieser Saison mit einer rosaroten Kollektion, die gar nicht mädchenhaft war: Überdimensionale skulpturale Schnitte, Cut-Outs und die Verwendung sportlicher Einsätze machen eine moderne Silhouette und sind geschaffen für starke Frauen. Nach dem Motto bist du zu schwach, ist die Hose zu groß müssen Trägerinnen aufpassen, in ihrer Mode nicht zu versinken.

Jakubowski zeigte ihre Modelle außerdem auf einem sich zu Kinderliedern drehenden Karussell — die finstere Atmosphäre des ansonsten dunkel gehaltenen Raumes erzeugte dabei eine eher beklemmende Stimmung. Die Mainzerin liebt das Spiel mit finsteren Gefühlen und absurden Situationen. Die Designerin, die am Central St Martins studierte und Praktika bei Alexander Wang in New York, Bruno Pieters in Antwerpen und Hussein Chalayan sammelte, widmete ihre vergangene Frühjahr-Sommer-Kollektion etwa Frauen, die zu Zeiten der Hysterie gegen ihren Willen festgehalten wurden.

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In glaslosen Terrarien liegend präsentierten die Models Steinmetz Kleider

Faustine Steinmetz

Eine weitere Meisterin der Inszenierung ist Faustine Steinmetz. Die gebürtige Pariserin, die 2013 ihr Label gründete und zuvor mit Jeremy Scott und Henrik Vibskov arbeitete, stellte das bereits im Februar unter Beweis. Damals setzte sie ihre Modelle in architektonischen Würfeln in die Tate Britain. Stichwort Voyeurismus: Durch Fenster konnte der Betrachter die Damen und ihre Kleider begutachten.

Dieses Mal lagen die Models in glaslosen, in die Wände eingelassenen Terrarien, wo sie jeder hervorragend für seine sozialen Kanäle ablichten konnte. „Blue Denim“ war das Thema, für welches sich Steinmetz intensiv mit dem ikonischen blauen Stoff auseinandersetzte. Mal mit Swarovski-Steinen bestickt, ungewöhnlich gewebt oder bis zum Auseinanderfallen verwaschen — kaum zu glauben, dass aus dem klassischen Material noch etwas herauszuholen ist, das Power hat.

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Girl Power: Mit rosafarbenen glitzernden Slip Dresses und liebevoll angemalten Volumenkleidern feierte Edda Gimnes ein freches Revival der Spice Girls

Edda

Girl Power — so lautete insgeheim auch das Motto der Nachwuchsdesignerin Edda Gimnes: Mit rosafarbenen glitzernden Slip Dresses, puscheligen Mules, Mini-Taschen und liebevoll angemalten Volumenkleidern feierte der Vogue Italia-Liebling mit ihrer EDDA-Linie ein freches Revival der Spice Girls. Irgendwie girly, aber selbstbewusst sind die Entwürfe, genauso wie die Designerin selbst.

In Deutschland kennt man die Rothaarige bereits, seit sie Peek & Cloppenburgs Designer for Tomorrow-Award unter der Schirmherrschaft von Alber Elbaz gewonnen hat. So ähnelten die Pinselstrich-Prints in schwarz, weiß und rosa für manch einen etwas zu sehr der Handschrift des Altmeisters. Hingegen standen viele kleine Details, etwa die nach hinten aufgebauschten Kleider, denen man durch ein leichtes Öffnen des Reißverschlusses spannende neue Formen entlocken konnte, für sich selbst. Für die klassisch-konservative Peek & Cloppenburg-Trägerin ist das wohl nichts. Auch das zeigt die Londoner Modewoche: Die Kollektionen junger Designerinnen erfordern mitunter Mut. Und die Bereitschaft zu einem gewissen Maß an Verrücktheit.