Der Londoner Konzeptladen Dover Street Market steht für radikale Mode, das konnte man von Frida Giannini's Arbeit bei Gucci nicht sagen. Anders Alessandro Michele. Ihm wird zur Londoner Modewoche mit einem eigens konstruierten Store Design aus Shop-Space und Schaufenstergestaltung gehuldigt. Zurecht: In unserer aktuellen Printausgabe setzen wir dem talentierten Kreativdirektor und seinem genderbender Stil ebenfalls und sogar gleich mehrfach ein Denkmal. Mit Michele beschäftigt sich unter anderem Achtung Mode und FAZ-Autor Alfons Kaiser in unserer aktuellen Fashion Player-Kolumne Stoffsammlung. Den Artikel gibt es nun auch auf Achtung Digital zu lesen

Es war Zeit für einen Höhepunkt. Die Pitti Uomo in Florenz war im Juni erfolgreich verlaufen, die Milano Moda Uomo zeigte vor allem Bekanntes: Armani wieder mal stärker bei den Männern als bei den Frauen; Stefano Pilati für Zegna Couture mit einer starken legeren Silhouette; Dolce & Gabbana mit süditalienischen Referenzen; Rodolfo Paglialunga für Jil Sander mit einem durchwachsenen Auftritt. Doch wo war das Neue?

Es kam am Montagmorgen. Kurz vor der Abreise aus Mailand noch schnell in die Gucci-Schau an der Stazione Garibaldi, in einer alten Lagerhalle, die schon um die Mittagszeit aufgeheizt war. Angesagt war die erste Männerkollektion von Alessandro Michele für die Powermarke des Kering-Konzerns mit dem Drei-Milliaren-Umsatz.

Gucci braucht neue Energie. Alessandro Michele hatte im Januar die Entwürfe seiner geschassten Vorgängerin Frida Giannini noch fünf Tage lang an seine eigenen Vorstellungen angepasst, bevor er sie über den Laufsteg schickte. Schon da zeigte sich, dass der Designer das große Thema der Zeit zelebriert: Die Auflösung geschlechtlicher Eindeutigkeiten, im Englischen auf den wunderbaren Begriff genderbender gebracht.

Nun, in Mailand, in der Hitze des letzten Tages, zeigte er Entwürfe, die hot waren wie nichts anderes. Die mit zarten Blüten bedruckten gelben Hemdchen, die Anzughosen im 70er-Jahre-Karo mit krasser Trompetenform, der Seethrough-Strickpullover mit großem Schmetterlings-und Ankermotiv, die rosafarbenen Spitzen-Hotpants: Einige Einkäufer in der ersten Reihe wussten nicht mehr, ob sie Manderl oder Weiberl waren. Bei manchen Männern auf dem Laufsteg war man sich nicht einmal nach der Schlussrunde sicher, ob es sich nicht doch um Mädchen handelte. Sind wir Männer schon wirklich so zart und romantisch wie in dieser Zukunftsvision? Egal.

Alessandro Michele muss, wenn er nur irgendwie aus dem Schatten seiner Vorgängerin treten und das Geschäft in Schwung bringen will, ein neues Image erfinden. Er muss Gucci zu einer Marke machen, die nicht nur in den Läden glänzt. Mit diesem mutigen Auftritt hat er das souverän bewältigt. Zum ersten Mal seit Tom Fords Gucci-Sexyness wird der Zeitgeist wieder derart von einem einzelnen Designer personifiziert.

Artikel: Alfons Kaiser
Illustration: Caroline Marine Hebel exklusiv für Achtung Mode