Als der Vergötterten klar wurde, dass ihr das ewige Auf- und Abgestöckele zu doof werden würde, dass sie keine große Lust hatte, bis in alle Zeiten von Champagner und Magerquark zu leben, dass hohe Gagen und Rampenlicht auch anderswo zu kriegen waren, zum Beispiel beim Film, sprich: als Cara Delevingne ihren Abschied vom Laufsteg nahm, wurde die Stelle des lukrativsten Instagirls in Fashion über Nacht neu ausgeschrieben. Das war im August 2015, und Kendall Jenner reichte beflissen ihre Bewerbungsunterlagen ein.

Die Ausschreibung, sollte man sie hier imaginieren, hätte folgendermaßen ausgesehen:

• Sind Sie aktiv auf Instagram, Facebook, Twitter?
• Haben Sie auf einem oder jedem dieser Kanäle mindestens eine Million Follower?
• Sind Sie bereit, mit Ihren Followern Berufliches und Privates täglich zu teilen?
• Befinden sich in Ihrem analogen Freundeskreis berühmte und/oder schöne Menschen, die bereit sind, mit Ihren Followern Berufliches und Privates täglich zu teilen?
• Wenn Sie alle diese Fragen mit „Ja“ beantwortet haben: Wir wollen Sie kennenlernen.

• P.S.: Sollten Sie dünn, groß und in der Lage sein, über einen Runway zu laufen: umso besser. (Von Interesse sind auch special features wie Zahnlücken, Segelohren, buschige Au- genbrauen etc.)

Alles in allem: LOL. Denn das war ja nun exakt Kendalls Profil!

Instagram, Facebook, Twitter: Yes! Millionen Follower: Yes! Tägliche Einblicke ins Berufliche und Private: kein Problem, da seit Jahren in Reality-Show involviert. Analoge Freunde: Gigi, Bella, Taylor, Karlie, Cara. . . Reicht das? Gewicht: gering genug, Größe: 1,79 Meter, Gesicht und Laufstegstil: wandelbar, special features: kann ich mir draufschaffen.

Willkommen, Kendall.

Sie lief bei Marc Jacobs, Dior, Chanel, Balmain, Givenchy und allen anderen eigentlich auch. Sie war auf dem Cover von Vogue, Harper’s Bazaar, InStyle, Love und allen anderen eigentlich auch. Sie erschien in Kampagnen für High Fashion, Low Fashion, Nagellack, Lippenstift, Unterwäsche. All das, merke, innerhalb eines einzigen Jahres. Im Juli wandelte sie für Fendi übers Wasser der Fontana di Trevi, sie trug ein cremefarbenes, mit Blüten besticktes Couturekleid und das schwarze Haar aufgedreht wie weiland Scarlett O’Hara. Auf den Fotos sah das sehr hübsch aus.

Im Schönheitsbusiness ist Kendall Jenner aktuell das vielversprechendste Aktienpaket mit notorisch steigendem Kurs.

Kendall Jenner, 20, hat den vorschriftsmäßigen Körper und ein ganz und gar symmetrisches Björk-Gesicht mit weit auseinander liegenden, leicht schräg gestellten Augen. Aus einer Prozession der schönen Namenlosen würde sie trotzdem nicht herausragen. Sie ist ein ordentliches Model mit außerordentlichen Jobs. Ihr Potenzial steckt vor allem in den Zahlen. Und deshalb lesen sich Artikel über sie auch wie Anlageberichte in der Financial Times.

61 Millionen: Anzahl ihrer Follower bei Instagram. Plus 90 Prozent: Anstieg der Erstbesucher auf der Webseite von Estée Lauder, nachdem Jenner Markenbotschafterin wurde. 52 Seiten: Umfang einer Extra-Ausgabe der US-Vogue, die sich ausschließlich mit ihr befasste. Und nicht zuletzt 3,6 Millionen: So viele Likes erzielte ein Instagram-Bild im vergangenen Sommer, das sie liegend im weißen Spitzenkleid zeigte, Augen geschlossen, Hände gefaltet, Haarsträhnen auf dem Fußboden zu Herzchen arrangiert. Es ist das erfolgreichste Foto in der Geschichte von Instagram – bis heute.

Im Schönheitsbusiness ist Kendall Jenner aktuell das vielversprechendste Aktienpaket mit notorisch steigendem Kurs. Natürlich kaufen sie sich alle ein. Ebenso natürlich geben sie es nicht zu. Siehe Riccardo Tisci: „Ich habe Kendall nur deshalb ausgesucht, weil sie so eine erstaunliche, dunkle, kantige Schönheit ist.“ Siehe Karl Lagerfeld: „Ich fand sie süß. Ich wusste nicht, wer sie war.“ Oder Marc Jacobs: „Wir haben sie nur wegen ihrer Fähigkeiten auf dem Laufsteg gebucht.“ Geradezu erfri- schend ehrlich war dagegen Jane Hertzmark Hudis, Präsidentin von Estée Lauder. Sie sagte: „Was ich so aufregend an ihr finde, ist ihr Einfluss auf Social Media. Zusammen mit ihrer Glaubwürdigkeit als Model erreicht sie damit direkt die Millenials.“

Die Kardashians sind das Popcorn der Mode: Wenn der Film mal wieder Längen hat, stopfst du dir halt eine Handvoll in den Mund.

Wer sich erst mal von der romantischen Vorstellung verabschiedet hat, dass die Mode in erster Linie Handwerkskunst mit Kreativität vereint, wer akzeptiert, dass es heute um maximale Präsenz in relevanten Zielgruppen geht, also um ein Milliardengeschäft, der hat nichts einzuwenden gegen den rasanten Aufstieg von Kendall Jenner. Es kommt aber noch etwas hinzu, und da muss man gar nicht den Einzug der Kardashians bei der Show ihres Freundes Olivier Rousteing miterlebt haben, obwohl das natürlich fast ein Blockbuster war im März 2016 bei Balmain. In der Front Row Mama Kris Jenner mit ihren Töchtern Kylie, Khloé und Kim sowie natürlich Kanye West und auf dem Laufsteg Kendall. Dass die Fotografen schrien und das Publikum lüstern starrte, versteht sich von selbst.

Die Kardashians sind das Popcorn der Mode: Wenn der Film mal wieder Längen hat, stopfst du dir halt eine Handvoll in den Mund. Und Längen hat dieser Modefilm immer öfter, weil ja kein Mensch das mittlerweile permanente Defilée der Kleider noch ernsthaft aufregend finden kann. Die Mode ist der Mode selbst recht fad geworden und da schadet es nicht, wenn oben auf dem Laufsteg ein Gesicht auftaucht, das man von Instagram, aus dem Fernsehen oder der Klatschpresse kennt. Als Hochreißer.

Als Kendall Jenner 2007 auf Amerikas Bildschirmen auftauchte, war sie elf. Passenderweise wurde im gleichen Jahr das iPhone geboren.

Von „kennen“ kann bei Kendall Jenner übrigens streng genommen nicht die Rede sein, was erstaunlich ist, da ihr Leben ja wie ein offenes Buch vor uns zu liegen scheint. Als sie 2007 auf Amerikas Bildschirmen auftauchte, war sie elf. (Passenderweise wurde im gleichen Jahr das iPhone geboren.) Wer wollte, konnte bei Keeping up with the Kardashians miterleben, wie sie in die Höhe schoss, zu modeln anfing, durch die Führerscheinprüfung rasselte, die Trennung ihrer Eltern verarbeitete und dabei zusah, wie aus ihrem Vater Bruce die Frau Caitlyn wurde. Alles Weitere ist auf Instagram dokumentiert.

Beim Blick auf ihre Fototapete muss man direkt an Ethan Hunt denken, seine Mission Impossible und die Warnung: „Diese Nachricht zerstört sich selbst in 5, 4, 3, 2, 1 Sekunden.“ Booom. Ungefähr so ist das mit diesem Instagram-Account: Es gibt kein besseres Beispiel für den Vorgang, wie sich ein Mensch in der Flut der Abbilder seiner selbst in Nichts auflöst. Wer ist Kendall Jenner? Hier und in den sehr wenigen Interviews, die sie gegeben hat, gibt es dazu keinen Hinweis.

Der Branche kann es egal sein, sie hat ihre Antwort längst gefunden: Kendall ist die rechtmäßige Nachfolgerin von Cara, das neue lukrative Instagirl in Fashion, ein perfektes Marketing Tool, das läuft und läuft und läuft und läuft. Was will man mehr?

Dieser Artikel erschien erstmals in Achtung Ausgabe 32, September 2016.

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