Es ist noch nicht lange her, da zählte der Chef der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn,zudenamschlechtestenangezogenen Männern des Landes. Zur Umfrage aufgerufen hatte vergangenen Sommer kurz vor dem Brexit-Referendum das Luxuskaufhaus Harvey Nichols, zugegebenermaßen eher ein Ort für Tory-Wähler. Jeremy Corbyn wurde von Männern in dieser Umfrage auf Platz eins der am schlechtesten angezogenen männlichen Personen des öffentlichen Lebens gewählt. So landete er noch vor Boris Johnson und Russell Brand (Platz zwei und drei). Für den Labour-Vorsitzenden war das vermutlich kein markerschütterndes Ergebnis, sofern er es überhaupt mitbekommen hat. Mode ist ihm, nach eigenen Aussagen, eh egal, und an die Sticheleien von David Cameron (in der Umfrage auf Platz eins der am besten angezogenen britischen Männer), hatte er sich zu diesem Zeitpunkt längst gewöhnt. Er konterte auch gelegentlich im Spaß zurück, David Cameron, der sich mit der Londoner Bond Street begnügen müsse, sei in Wahrheit nur neidisch auf seinen außergewöhnlichen Stil.

Jetzt, da Jeremy Corbyn zumindest in der Opposition als Held der Nation gefeiert wird, könnte es tatsächlich so sein. Als er in diesem Sommer die Bühne des Glastonbury Festivals betrat, verfiel die Menge in einen Sprechgesang und rief seinen Namen. Dass Menschen, die dort zum Feiern und Musik- hören zusammenkommen, den Namen eines britischen Politikers singen, war zuvor noch nie passiert. Angeblich entscheiden sich britische Eltern jetzt auch ö er dafür, ihr Neugeborenes auf den Vornamen Corbyn taufen zu lassen. Selbst die Stilfrage hat sich zu seinen Gunsten geklärt, was nur zeigt, dass im Au ritt eines Politikers heute bestenfalls eine Botscha stecken soll.

In der Causa Corbyn passt der Stil jedenfalls wunderbar zum Rest. Er ist so schlecht angezogen – trägt Anzughosen, die stauchen, einen ungepflegten Stoppelbart, am Handgelenk den Minicomputer von einer Digitaluhr statt einer agilen Applewatch oder eines Fitnessarmbandes –, dass auch der Look jetzt, da sich der Wind gedreht hat, schon wieder super ist. Er ist der Bernie Sanders von Großbritannien. Er habe „echten persönlichen Stil“ (GQ.co.uk), „sehr Vetements“ (Vogue.co.uk). Letztere schließt mit einer Aufzählung an – „die Strümpfe und Turnschuhe“, „der etwas zu große Anzug“, etc. – die man auch ohne den Vetements-Bezug schön auf Martin Schulz übertragen könnte.

Wenn, ja, wenn es für den SPD-Kanzlerkandidaten in den vergangenen Monaten anders gelaufen wäre, und sich der Schulz-Rausch nicht schon wieder gelegt hätte, bevor seine Partei überhaupt den Wahlkampf richtig angehen konnte. Wäre es anders gekommen, hätten die folgenden Accessoires jetzt das Zeug dazu, es auf die Wunschlisten von Menschen mit gleichermaßen viel Bewusstsein für Gerechtigkeit wie Stil zu schaffen: die halbrandlose Brille, der markante Ehering in Gelbgold, die Andeutung eines Vollbartes oder auch sein hart ausgesprochenes „R“ (Öcher Platt lässt grüßen).

Tja, das Schöne und Schlimme an Mode ist, sie ist so gut wie nie objektiv. Die bittere Wahrheit ist, dass wer seinen Job nicht mehr gut macht, auch Probleme haben wird, weiter positiv rüberzukommen, so stark die Botscha auch sein mag. Das persönliche Empfinden mag jetzt also für Corbyn arbeiten, aber gegen Theresa May. Gefühlt vorgestern war sie noch der Paradiesvogel der internationalen Spitzen- politik, dank ihres Faibles für Ballerinas mit Leopardenmuster und eines Anzugs mit Schottenkaro, den Cara Delevingne anlässlich ihres 21. Geburtstags auch getragen hat. May sieht jetzt vor allem fertig aus, obwohl sie immer noch den Leo-Look an den Füßen trägt und nur gelegentlich den großen Ethnoschmuck gegen konventionellere Perlenketten austauscht. Ausgerechnet sie, die mit so guten Beinen gesegnet ist, dass sie diese nicht ausschließlich unter einem Schreibtisch verstecken muss, sondern damit auf Fotos Eindruck machen kann. Sie, die Mode so gut versteht, wie kaum eine andere und es nicht hasst, das Beste aus sich zu machen, obwohl sie Spitzenpolitikerin ist.

Abgesehen von May sind die Männer da interessanterweise schon weiter. Siehe die hübschen Jungen dieser Welt, namentlich Emmanuel Macron, Justin Trudeau, Sebastian Kurz und Christian Lindner. Diesen jungen Schönen vertraut man gerade ohne weiteres die von Krisen geschüttelte Welt an, natürlich auch, weil die vier sich eben jenen Themen explizit annehmen: der Flüchtlingskrise (Kurz), der Amerika-Krise (Trudeau), der Europa-Krise (Macron) sowie dem existentiellen Thema, dass das Internet in der Limousine hinten rechts auf der A96 besser funktioniert (Lindner). Selbstverständlich haben sie die Statureher groß, auf jeden Fall schlankmit der sie auch Topmanager werden könnten, in jedem Fall super im Anzug aussehen, und auch das nötige Kleingeld dafür ausgeben. Emmanuel Macron kau seine bei Jonas et Cie im zweiten Pariser Arrondissement. Es sind also nicht die Maßgeschneiderten. Die braucht er nicht, er hat ja schon Modelmaße.

Was nicht bedeutet, dass diese jungen Männer/Politiker nur im Anzug glänzen können. Das geht auch mittels ihrer Strümpfe, siehe Justin Trudeau. Zur Gay Pride Parade in Toronto in diesem Sommer trug er Modelle in Regenbogenmuster mit dem Slogan „Eid Mubarak“ in Anspielung auf das Ende von Ramadan, das Donald Trump in diesem Jahr vorbeiziehen hat lassen, ohne Muslime ins Weiße Haus einzuladen. Trudeaus Strümpfe erinnern somit an den Aufzug der britischen Queen, der großen Europäerin, die zur Verlesung von Theresa Mays von Brexit- Plänen geprägten Regierungsprogramms im Juni einen Hut in Europa-Blau trug mit Blumenschmuck, der so gelb leuchtete wie die Sterne der EU-Flagge. Oder Emmanuel Macron, der auch mal Poloshirts trägt oder Christian Lindner, der sich im Unterhemd präsentiert (Haut zeigen ist auf Instagram ja immer eine gute Idee). Und der ohne Scheu auf eben jenem Kanal seine blank geputzten Schuhe und seine Schwäche für Luxusuhren präsentiert.

Wie kommt man jetzt auf Angela Merkel zu sprechen? Es ist jedenfalls offensichtlich, dass die Eventisierung von Politik hierzulande noch nicht so weit fortgeschritten ist wie andernorts. Dass es sich mit einem kleinen Hype um Christian Lindners Style unter FDP-Wählern erledigt hat. Dass es aber keine Martin-Schulz-Must-Haves geben wird. Gut möglich, dass Deutschland stilistisch noch immer in den unpolitischen Zeiten von gestern steckt. Der Look, der für diese Ära steht, ist, klar, der Hosenanzug. Merkels bunte Hosenanzüge, so praktisch wie weiblich offiziell. Kann man nichts dagegen sagen, aber welche Farbe sie zu welcher Gelegenheit trägt, ist so ungefähr egal. Darin muss keine Botscha stecken, denn ihre Besitzerin scheint diese gar nicht nötig zu haben.

 

This article appeared first in Achtung Mode Nr. 34 (September 2017).