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Neo Belgrad von Boris Kralj"Die Neue Sachlichkeit" sieht auf den ersten Blick wie der Untertitel des Buches aus, welches vor mir liegt. Man hinterfragt, weshalb dieser so lauten könnte, und ob Sachlichkeit das ist, was man erwartete. Tatsächlich ist es der Name des Verlages, der in Lindlar sitzt, und seit 2009 noch nicht entdeckte, junge Künstler unterstützt und verlegt. Boris Kralj ist ein Fotograf aus Berlin Schöneberg,
der sich der Dokumentations- aber auch Modefotografie widmet, und dem man zu nun abgeschlossenem Projekt gratulieren darf: "My Belgrade".
121 Fotografien auf 172 Seiten, das Vorwort von Joerg Koch, ein einleitendes Interview von Kevin Braddock. Begleitend dazu, eröffnet am 1. Oktober die gleichnamige Ausstellung, in der Galerie Most in Berlin.
Achtung: Lieber Boris. Nach 8 Jahren unzähliger Reisen,
Begegnungen und Beobachtungen, ja sogar dem Übergang von analoger zur digitalen Fotografie begleitend, ist es soweit: das Buch ist aus dem Druck, die Bilder sind gerahmt. Erzähl mir kurz, wie alles begann.
Kralj: Als ich 13 oder 14 war, fuhr ich mit meinen Eltern das erste Mal nach Belgrad zu unserer Familie.
Ich führte allerdings schon immer ein recht jugoslawisches Leben, aber eben in Göppingen bei Stuttgart, wo ich geboren bin.
In Belgrad, fühlten sich meine Eltern beispielsweise merkwürdig richtig an, und ich mich sofort sehr heimisch.
Wir verbrachten dann viele Sommer dort, welche sehr prägend für mich waren.
Nach den Unruhen und Bürgerkriegen in Jugoslawien, bin ich vor ca. 9 Jahren das erste Mal wieder in diese Region gefahren.
Es gab auf einmal überall Grenzen, die Freunde und Verwandte trennten. Unten angekommen, war es dann aber letztendlich so. Der Krieg hatte die Menschen verändert und alles kam mir düster vor.
In Belgrad war es allerdings anders. Hier spürte ich ein Gefühl, welches mir sehr vertraut war. Schwer zu beschreiben, also fotografierte ich alles was mich bewegte.
Achtung: Wann stand fest, dass daraus ein Buch werden muss?
Kralj: Nach meinen ersten Besuch war ich wie besessen von dieser Stadt.
Damals gab es kaum Touristen in Belgrad, und ich fühlte mich wie ein willkommener Outsider.
Wann immer ich konnte flog ich runter und fotografierte. Auch mein Diplom widmete ich Belgrad und war erstaunt
wie groß das Interesse war an dieser Stadt. Ich glaube es lag daran, dass sie für viele verhältnismäßig unbekannt war.
Das hat mich ermutigt mehr daraus zu machen. Der Entschluss ein Buch daraus zu machen, hat mich im Nachhinein allerdings 8 Jahre gekostet.
Wir gehen gemeinsam Seite für Seite der Monografie durch, und ich werde vom Autor mit allen Hintergrundinformationen versorgt.
So bekomme ich kyrillische Schriftzeichen übersetzt, sehe nicht nur den Roma Jungen auf dem Bild, sondern erfahre von dem Klebstoff der vorher geschnüffelt wurde. Bekomme die Bedeutung des Museums "Der 25. Mai" erklärt,
und erfahre von Hühnern und Eseln, die man nachts manchmal inmitten der Großstadt hören konnte, während einige Nachtaufnahmen entstanden.
Wir sprechen über die traurigen Schaufensterpuppen mit heruntergezogenen Mundwinkeln, davon dass in Jugoslawien das höchste Gebäude jeder Stadt einen Frauennamen trägt, und von den egozentrischen Innenarchitekturen, die sich hinter all den tristen Plattenbauten verbergen.
Achtung: Diese Anekdoten sind wahnsinnig interessant und unterhaltsam. Im Buch allerdings findet man kein einziges
geschriebenes Wort, ja noch nicht einmal Zeitangaben. Es ist immerhin bemerkenswert, dass dies ein 8-Jahres-Projekt ist.
Kralj: Es gab zunächst Untertitel zu einigen Fotos. Im Gesamtbild war es dann aber zu unregelmäßig und unklar, die einen Bilder mit, und die anderen ohne Informationen zu versehen. Über Daten sprachen wir allerdings nie, stimmt.
Vielleicht ist das etwas für eine eventuelle zweite Auflage. Und ja, es ist kein ganz einfaches Buch, ohne Hintergrundwissen.
Man muss sich eben mit dem Buch und Thema beschäftigen.
Achtung: Das Buch ist nicht portraitlastig. Die, die es ins Buch geschafft haben, sind dafür umso bemerkenswerter.
Wie waren Deine Begegnungen mit den Menschen, für dieses Projekt?
Kralj: Menschen zu fotografieren war sehr, sehr schwer. Was unter anderem auch ein Grund dafür ist, dass wenig Menschen im Buch zu finden sind.
Der Krieg hat die Menschen in diesen Gebieten misstrauisch und abweisend gemacht. Und ich bin ein recht aufgeschlossener Mensch, der sonst wenig Probleme hat, mit Fremden in Kontakt zu treten.
Erstaunlicher Weise war die Skepsis umso größer, sobald sie merkten, dass ich fliessend serbisch spreche.
"Was will er, was hat er nur davon", schienen sie sich zu fragen. Als englischsprachiger Tourist wurde ich weitaus freundlicher behandelt,
und als Deutscher sowieso. Sie lieben die Deutschen.
Achtung: Wie sieht das Belgrader Gesicht aus?
Kralj: Der Mann hat oft starke Wangenknochen und einen quadratischen Kopf, mit dicken Lippen. Beschreibe ich da gerade mich selber? (Lacht.)
Die Frauen sind sehr groß und schlank. Und haben oft etwas "spitzes" im Gesicht. Ich habe versucht, genau das anhand der wenigen Portraits zu zeigen.
Achtung: Erzähl mir von Deiner Begegnung mit Nikola Jovanovic.
Kralj: Auf eine meine Reisen nach Belgrad, 2008, sah ich diesen Jungen in der Tram, der mir auf Anhieb ins Auge stach.
Er wirkte mit seinen Kopfhörern über den Locken abweisend und schaute aus dem Fenster. Ich war noch auf der Suche nach einem Belgrader Jungen für mein Bildband. Er trug eine Folklore Tracht
und erzählte mir später, dass er Abiturient sei und professionell Folklore tanze. Damals arbeitete ich noch als Scouter und Booker und war mir sicher,
dass dieser langgewachsene und schöne Junge eine Entdeckung sei. Nach einem Treffen mit der Mutter am selbigen Tag,
die aus der Vorstadt anreiste, bereitete ich Nikola und seine Mutter überzeugt darauf vor, dass er ins Ausland müsse, wenn er sich dafür entscheiden würde, ein international arbeitendes Model zu werden. Später erfuhr ich von Nikola, dass seine Mutter zu ihm sagte: "Der Boris ist ein sehr netter Junge, doch ich glaube ihm kein Wort".
Nikola JovanovicZwei Monate später saß Nikola zum ersten Mal im Flugzeug und traf mich in Paris, wo ich ihn zu den Castings schleppte.
Beim ersten Casting für Trussardi, war Milan Vukmirovic nebenan im Studio dabei, eine Strecke für die L´officiel Homme zu fotografieren.
Als er Nikola sah, hat er ihn sofort eingespannt und bekam drei Seiten im Heft. Von da an gab es keinen Stopp mehr für den Jungen.
Nikola wurde die Muse von Frida Giannini, machte mehrerer darauf folgende Kampagnen für Gucci, eröffnete und lief alle Shows die man im Modebereich machen kann, arbeitet heutet mit allen großen Fotografen zusammen, und lebt mittlerweile in New York.
Achtung: Er ist mittlerweile unter den Top 5 der männlichen Topmodels weltweit.
Kralj: Genau. Und er war das erste Portrait, dass ich für den Bildband fotografierte.
Achtung: Aber dennoch, Menschen und Lebendigkeit sind nur bruchteilhaft in deinen Bildern zu finden.
Graue, morbide, triste, unbewohnte Spuren der Vergangenheit sind vor allem dargestellt. Gleichzeitig berichtest Du mir aber von der interessanten Fashion Week, der Designweek und den Tanztheatertage in Belgrad.
Kralj: Ja! Es passiert so viel subkulturelles in der Stadt, es gibt definitiv eine andere Seite, die Stadt brodelt, und junge Menschen sind sehr an Mode und Kultur interessiert.
Die Fashion Week wird immer größer, es gibt beispielsweise einen Acne Store,
man kann gut Essen gehen und einige Stadtteile haben fast etwas von Berlin. Aber in diesem Buch ging es mir um
eine ganz bestimmte Emotion, eine ganz bestimmte Stimmung, die mich bewegt und die ich festhalten wollte. Deshalb der Titel.
Es ist kein Querschnitt der Stadt oder Geschichte, es ist lediglich ein sehr persönliches Projekt, mein Belgrad.
Achtung: Was kommt als Nächstes? Eine Fotografin zeigte 2010 eine Ausstellung über sich und ihre Mutter. Portraits und Selbstportraits,
die ebenfalls über einen Zeitraum von 8 Jahren entstanden. Sie sagt, dass dieses Projekt nie zu Ende gehen wird, und eher einem Zustand gleicht. Wirst Du jemals nach Belgrad reisen können, ohne zu dokumentieren?
Kralj: Oh ja, und es hat jetzt sogar etwas Befreiendes an sich.
Ich möchte das Projekt zwar noch in weiteren Städten zeigen, es gibt z.B. Interesse in Stuttgart, Wien und Tel Aviv.
Allerdings freue ich mich auch, dieses Projekt abzuschliessen und mich auch ein Stück weit davon befreien zu können. Nun ist wieder die Modefotografie an der Reihe.
Vertraute Farbe für diese Stadt, das Türkis der Vorhänge.
Boris Belgrad
From: Gillian Wiechert

