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Die Kuratorin Sophie Von Olfers im Museum fuer Moderne Kunst in Frankfurt am Main Foto: Helmut Fricke
Deutschland hat weltweit einen hervorragenden Ruf, wenn es um Museumsausstellungen geht. Man nimmt das Thema ernst. Und so wird das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt dem Thema Modefotografie in den neunziger Jahren eine gesamte Schau widmen. Es war eine Zeit, in der es vor allem um Kreativität ging. Man versuchte, neue Arten des Sehens entstehen zu lassen, sozusagen im letzten Moment, bevor die Gleichmacherei der Digitalfotografie Einzug hielt. Die wichtigsten Fotografen in der Ausstellung: Juergen Teller, Wolfgang Tillmans oder die gerade verstorbene Corinne Day. Wir sprachen mit Sophie von Olfers, 31 und gebürtige Berlinerin, der Kuratorin der Ausstellung. Von Olfers hat ihren MA in Curatorial Studies am Goldsmiths College in London gemacht und arbeitete unter anderem als Assistant Curator am Witte de With Museum für zeitgenössische Kunst in Rotterdam, sowie an verschiedenen Projekten in London und Venedig, bevor sie nach Frankfurt kam. Seit einem Jahr arbeitet sie nun an der Ausstellung "Not in Fashion", die am 24. September in Frankfurt eröffnet wird. Da es bei Achtung auch immer um die Etablierung einer neuen Schule deutscher Modefotografie geht, freuen wir uns besonders auf die Schau und empfehlen einen herbstlichen Abstecher nach Mainhattan.
Cris Moor
Achtung: Es ist die erste Ausstellung zum Thema Fotografie, die Sie kuratieren. Wie kommt es zu dem Thema konkret?
Sophie von Olfers: Das ist gar nicht so weit hergeholt. Im MMK wird immer eine Haussammlung gezeigt, und im Dialog damit findet eine Parallelausstellung statt, die die Sammlung in ein zeitgenössisches Licht stellt, um diese lebendig zu halten. Es war also zuerst klar, dass die Fotografiesammlung des MMK im halben Haus ausgestellt wird. Da war dann die Frage: Was kann man dazu machen? Welche Gegenüberstellung macht Sinn? Die MMK Fotografiesammlung wurde aufgebaut vom Gründungsdirektor in den achtziger und neunziger Jahren, und man sieht viel Körperbetontes, schwarz weiß - so wie das komplette Werk von Larry Clark, Nobuyoshi Araki, Bettina Rheims. Bevor man in diese ganze Körper- und Gendergeschichte zu sehr rein geht, wollte ich eher Mode thematisch aufgreifen. Es muss doch funktionieren, in einer Kunsteinrichtung eine interessante Ausstellung zum Thema Mode zu machen, ohne dass es nur um Display und Design geht. Über diese Aufgabenstellung kam ich dann aber vom Modeding zurück zur Fotografie. Weil ich eben Inhalte und Zusammenhänge vermitteln und sowohl Designer, als auch Fotografen einladen wollte. Das ist hier in dem Falle der Neunziger nämlich ziemlich charakteristisch - gar nicht mehr so genau sagen zu können, wem die Bilder eigentlich 'gehören'. Sie entstanden gemeinsam, und es ging nicht mehr um eine 'Autorenschaft' einer einzelnen Person. Der Fotograf arbeitete mit Stylist, arbeitet mit Model, mit dem Magazin. Und dies viel komplexer und identitätsgebundener als zuvor. Es entstanden viel natürlichere und nachhaltigere Zusammenarbeiten zwischen Mode und Fotografie.
Achtung: Ich habe vor Wochen mal gehört, die Show sollte ursprünglich 'Purple Generation' heißen? Wie kamen die Namensgebungen zu Stande und warum der Wechsel?
Sophie von Olfers: Genau - das war mein Arbeitstitel. So habe ich meinen research angefangen. Als ich mir die vielen Magazine, Print und Kampagnen angeschaut habe, war Purple natürlich auch ein sehr gutes Beispiel. Also in den frühen Jahren - momentan ist es ja ein Desaster. Aber damals war es ja sehr fein und mutig und hat immer viel Platz gemacht für kooperative Projekte zwischen Fotograf und Designer. Dass Fotografen plötzlich zwei oder drei Strecken hintereinander fotografierten durften und Cliquen gebildet wurden und diplomatische Kategorien abgeschafft wurden. Eben dem Inhalt angepasst. Aber 'Purple' hätte dann natürlich viel zu viel außen vor gelassen. Das wäre zu gebrandet und wenig produktiv gewesen. 'Not in Fashion' haben wir uns dann von Mark Borthwick ausgeliehen. Sein Buch heißt ja so, und diesen Antagonismus fanden wir ganz passend für unser Thema. Natürlich geht es um Mode in der Ausstellung, und natürlich waren alle Mitwirkenden auch daran interessiert, im Modebusiness mitzumischen, aber nicht nur, um damit Geld zu verdienen oder berühmt zu werden - sondern vielmehr, um bestimmte Werte umzustürzen und andere zu vermitteln. Es geht um Mode und Fotografie und den Punkt, an dem sich beides trifft. Und nicht simpel um Modefotografie.
Achtung: Vier der zehn mitwirkenden Fotografen sind mir bekannt : Wolfgang Tillmans, Mark Borthwick, Corinne Day und Anders Edström. Wer sind die restlichen sechs?
Sophie von Olfers: Jason Evans, Inez & Vinoodh, Cris Moor, Nigel Shafran, Collier Schorr, Juergen Teller.
Achtung: Und die Designer?
Sophie von Olfers: Helmut Lang, Martin Margiela, Walter von Beirendonck, Bless, Comme des Garcon, Ayzit Bostan, Yohji Yamamoto, Susan Cianciolo, Kostas Murkudis, Bernadette Corporation und Maria Cornejo. Und es gibt noch mehr - das Grafikduo M/M (Paris) beispielsweise gestalten einen Raum und diverse Künstler wirken im Ausstellungskatalog mit.
Achtung: Ein paar Listen. Ihre Top 3: Welche Fotografen haben die Neunziger am stärksten beeinflusst ?
Sophie von Olfers: Corinne Day, Wolfgang Tillmans, Nigel Shafran – in den frühen Neunzigern und alle in London!
Achtung: Und welche Designer?
Sophie von Olfers: Helmut Lang, Martin Margiela, Susan Cianciolo
Achtung: Ihr Lieblingsfotograf?
Sophie von Olfers: In der Ausstellung: Cris Moor. Sonst: William Eggleston
Achtung: Welche Modefotografen sind heute für Sie richtungsweisend?
Sophie von Olfers: Anuschka Blommers & Niels Schumm.
Achtung: Was waren die Ursachen für die Entstehung dieser Strömung der neuen Fotografie in den Neunzigern?
Sophie von Olfers: Ich glaube einfach, dass das an der unglaublichen Überladung der Jahre davor und vor allem in den Achtzigern lag. So viel Plastik und Inszenierung - da ist es doch nur normal, dass es eine Gegenbewegung hervorruft. Alles, was in der Modewelt eine Sekunde zurückliegt, ist ja nicht mehr en vogue. Und das war für mich ein ganz wichtiges Thema - die nicht vorhandene Reflektion der Branche. Mal zurückzublicken und sein eigenes Werk kritisch zu hinterfragen. Das ist ja praktisch gar nicht existent. Und irgendwann musste es eben dazu kommen. Die Suche nach Inhalten.
Achtung: Die Achtziger haben sich schon längst wiederholt in der Mode und Fotografie. Denken Sie, das wird mit den Neunzigern auch passieren? Und wenn ja: Wann?
Sophie von Olfers: Ich glaube, das braucht noch eine Zeit. Das ist noch zu nah dran. Es ist noch zu zeitnah, als dass die Branche das so verarbeitet haben könnte, um es wieder raus zu holen. Ich bin mir aber nicht sicher. Was denkst Du?
Achtung: Gerade in dem Fall habe ich das Gefühl, dass die Bewegung und der authentische Stil nicht so simpel kategorisierbar sind wie die fast kostümierten achtziger Jahre - und dass man ihn deshalb zum Glück auch nicht so offiziell rein- oder rausholen kann. Es war eben nicht nur ein Trend, der wieder verebbt ist, sondern vielmehr eine neue Generation, die es bis heute gibt. Die Achtung ist fokussiert auf Mode und Fotografie, die aus Deutschland kommt. Warum gibt es praktisch keinen international relevanten Modefotografen, der nicht nur Deutsch ist, sondern auch in Deutschland lebt? Warum sind Walter Pfeiffer, Indlekofer & Knoepfel und Horst Diekgerdes in der Schweiz zu Hause?
Sophie von Olfers: Ja, gute Frage. Ich denke einfach, dass Deutschland als ein recht unmodisches Land wahrgenommen wird, und der Modebranche wird es einfach schwer gemacht. Mode wird irgendwie abgetan und nicht ernst genommen - geschweige denn, dass es als Kunst gelten darf. Und dadurch entsteht der Markt vielleicht auch nicht weiter. Auf der anderen Seite bekommen wir für dieses Projekt sehr viel Unterstützung von unseren Förderern. Ich denke, man müsste einfach daran arbeiten, das Thema auch anders vorzubestellen und zu bearbeiten, um einen anderen Zugang dazu zu schaffen. Ein Grund mehr für uns, die Idee zu realisieren.
Achtung: Ihre Tendenz, was die These des Untergangs von Print allgemein angeht?
Sophie von Olfers: Da glaub ich nicht dran. Ich hab zwar das Gefühl, die Formate haben momentan Schwierigkeiten, sich neu zu erfinden. Ich glaube, es gibt viel zu wenig Leute, die klar fokussiert auf einen Punkt und durchdacht sind. Es gibt Massen an Heften und viel zu viele Versuche, die zu lifestyle- und designlastig sind und dann nur sind WIE Purple oder Dutch oder Ähnliches. Diese werden dann sicher nicht überleben. Um bestehen zu können, muss schon Substanz da sein, geballtes und kompensiertes Arbeiten.
Achtung: Welche Magazine für Fotografie und Mode finden Sie in Deutschland momentan relevant?
Sophie von Olfers: Tatsächlich: die ACHTUNG und die 032C.
Achtung: Die deutsche Vogue wird als Medienpartner genannt. Inwiefern ist sie involviert?
Sophie von Olfers: Sie werden über die Dauer der Ausstellung unterschiedliche Beiträge leisten. Fünf Seiten im Oktoberheft als Vorankündigung, und sie bringen etwas über die Eröffnung im Gesellschaftsteil.
Achtung: Uns interessieren auch unsere Berliner: Was konkret haben wir von Kostas Murkudis und Bless zu erwarten?
Sophie von Olfers: Kostas macht eine virtuelle Show zusammen mit Carsten Nicolai. Und Bless veröffentlichen ihr Lookbook in einer Tageszeitung - da wissen wir noch nicht genau welche, aber da sind wir dran. Dazu wird es eine Art Tauschbörse geben. Ein Kontingent an Teilen wird von Bless zur Verfügung gestellt und an denjenigen geschenkt, der das beste Argument vorbringen kann, dieses Teil zu besitzen. Diese Aktion wird ebenfalls in einem Zeitungsformat dokumentierend festgehalten.
Achtung: Wer von den Fotografen und Künstlern wird zur Vernissage am 24. September erwartet?
Sophie von Olfers: Mark Borthwick kommt, Nigel Shafran, Anders Edström, M/M Paris kommen, Wolfgang Tillmanns kommt, Jürgen Teller ist leider verhindert. Aber über die nächsten Wochen verteilt kommen dann die ganzen Designer über 10 bis 15 Veranstaltungen, hauptsächlich im Oktober und November. Ihr müsst auch kommen!
Achtung: Na selbstverständlich! Frankfurt scheint ja auch ein unterschätzter Standort zu sein.
Sophie von Olfers: Also zumindest finde ich, dass solche thematischen Dinge wie diese Ausstellung in so einer Stadt wie Frankfurt gut aufgehoben sind, weil man es dort ganz gut von unterschiedlichen Seiten betrachten kann. In Berlin oder geschweige denn London wäre es viel zu eingeengt gewesen.
Achtung: Wo lebst Du in Frankfurt?
Sophie von Olfers: Ich lebe mitten in der Stadt, das heißt schlicht 'Zentrum'. Ziemlich nah am Museum und eigentlich kein typisches Wohnviertel.
Achtung: Und wo geht man Essen, beispielsweise am Abend der Vernissage?
Sophie von Olfers: Natürlich ins Triangolo, gleich bei uns unten! Oder in den Club Michel und anschließend in die Bar Central.
Jason Evans
Anders Edström
Nigel Shafran
Fashion in Frankfurt
From: Gillian Wiechert

