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Kostas und Andreas Murkudis by Thomas LohrIch bin dann mal weg – Andreas Murkudis zieht pünktlich zur Fashion Week mit seinem Store von Mitte nach Schöneberg und eröffnet dort ein Museum der Käuflichkeiten
Mit den Medien ist das so eine Sache. Wer in den letzten Tagen etwas über Andreas Murkudis und sein neues Shopping-Quartier in der ehemaligen Tagesspiegel-Druckerei in der Potsdamer Straße las, bekam vor allem eins zu lesen: Flucht. Er wolle weg aus Mitte, befinde sich nur noch umzingelt von herzlosen Jeans-Filialisten, die es in jeder Großstadt gebe, in mitten von touristischem Massenandrang, der das einstige kreative Credo längst verwässert hat. Vom Neuanfang keine Rede –stattdessen ein bitterer Abgesang auf das einstige Hipviertel Berlins.
Verdenken kann man dies wohl weder den Medien, noch Murkudis selbst. Wer je einen Samstagnachmittag mit bierseligen Easyjet-Holländern in den Straßen rund um den Hackeschen Markt verbracht hat, ist leicht geneigt von seinem Balkon herunter wie die zwei Alten aus der Muppet-Show den ewigen, bitterbösen Zyniker zu spielen. Trotzdem, wer seinen Abschied aus Mitte einzig und allein auf den Ausverkauf eines ganzen Stadtteils reduziert, hat eins vergessen: Murkudis selbst.
Mehr noch als eine Flucht, ist der Umzug in die Potsdamer Strasse eine folgerichtige Weiterführung seines Konzepts und vielleicht noch mehr die Erfüllung eines persönlichen Traums. Wer je einen seiner Läden in der Münzstrasse besucht hat, weiß, Andreas Murkudis ist kein Einzelhändler, kein Einkäufer. Er ist ein Kurator, der die Dinge in seinem Shop bewusst aussucht – mit einer ihm ganz eigenen Handschrift. Fast zwanzig Jahre arbeitete Andreas Murkudis im Museum der Dinge in Kreuzberg, bevor er 2003 sein erstes Geschäft eröffnete. In einem Hinterhof, der die morbide Romantik der Nachwendezeit noch bis zum Schluss erahnen ließ. Sein Einrichtungsladen Etage verbarg sich im 2. Stockwerk des Vorderhauses. Man klingelte an der Haustür als wolle man irgendjemand besuchen. Alles in allem ein labyrinthischer, zurückhaltender Gegenentwurf, in dem Murkudis stets versuchte das Verhältnis von Kaufen und Verkaufen zu erweitern.
Mitarbeiter schickte er eigens nach München oder Italien, damit sie sich vor Ort mit der Fertigung vertraut machten. Zu kaufen gab es Trophäen der postmodernen Jagdgesellschaft wie das mit einer hautdünnen Schicht Kalbsleder überzogene Skateboard von Natalia Brilli, die eigentlich zu nichts zu gebrauchen, weder zum Angeben noch zu sonst irgendwas. Und Kunden, die ihm erklären wollten, dass ihr neues Felisi Produkt nach zwei Wochen schon Striemen hätte, versuchte er mit der Ruhe und Geduld eines Erdkundelehrers begreiflich zu machen, dass sie sich schon entscheiden müssten, ob sie ein Produkt aus echtem Leder wollten oder so eine tot lackierte Tasche von Louis Vuitton.
All dies, führt Murkudis in seinem neuen 1.000qm großen Store, der ebenfalls wie die vorherigen Läden von dem Architekten Duo Gonzalez/Haase entworfen wurde, nun auf fast störrische Weise noch einen Schritt weiter. So findet sich, wer zunächst die Hofeinfahrt des grauen Tagesspiegelgebäudes passiert hat, in einer weißen Halle wieder, die einem eher den Besuch einer Galerie mit musealem Charakter als ein profanes Shopping-Erlebnis vermittelt. Ein gigantischer Raum in dem Taschen in fast 8m hohen Regalen und Produkte wie Kunstobjekte auf einer Art Gebirge, einer Produktlandschaft, bestehend aus 135 Flächen, präsentiert werden. Ein Produkt – eine Fläche, so viel Platz muss man erst einmal haben. Kein Zeug, sondern Zeugnisse sind das, was hier feilgeboten wird und so gibt es zu jedem Produkt einen Zettel, den man wie ein Erinnerungsstück an das Objekt der Begierde mitnehmen kann und der wie ein Nachweis die Herkunft und Herstellung des Produktes preisgibt.
Zur Eröffnung gibt es zusätzlich eigens für Murkudis angefertigte Sondereditionen von u.a. Maison Martin Margiela, Lutz, E 15 oder der Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Am Bemerkenswerten wohl die Special-Edition von Dries van Noten: ein weißes Kleid in fünf Größen und dreißig der schönsten Stoffe aus van Notens Archiv. Gelegt zu den Füssen der Kleider, können die Kundinnen entscheiden, in welchem Material sie das Kleid wünschen. Ein Konzept, dass nicht nur zur Eröffnung Bestand hat, sondern weiterführenden Editionen, dem immer schneller werdenden und von florierenden Online-Shop getriebenen Zyklus aus Neu und Alt zu entkommen versucht.
In dieser Hinsicht war Murkudis schon immer Missionar – und auch wenn man es ihm fast nicht abnimmt, ein clever Geschäftsmann. Für manche mag die Potsdamer Strasse noch immer geprägt sein von hässlichen Sozialläden, fiesen Dönerladen, Sexshops und kleinbürgerlichem West-Berliner Abend-Amüsement im Varieté Wintergarten. In den letzten Jahren haben sich hier allerdings immer mehr Galeristen niedergelassen wie Martin Klosterfelde oder die Londoner Galerie Blain/Southern, die ebenfalls in den Hinterhof des Tagesspiegels zog. Allesamt hofieren exakt sein Klientel. Doch auch wenn man Murkudis hier mal wieder den richtigen Riecher unterstellt, was Berlin betrifft, gilt für ihn, der hier in der Nähe der Potsdamer Strasse zur Schule gegangen ist, wahrscheinlich eh eine ganz eigene, andere Zeitdimension.
Ein Fan des alten Westens ist er, dem die Rehabilitation der Weststadt Berlins anscheinend immer mehr zur Herzensangelegenheit wird. Anders lässt sich wohl nicht erklären, dass Murkudis Anfang 2013 einen knapp 1.200 Quadratmeter großen Concept-Store im dem einst heruntergekommenen und nun sanierten Bikinihauses an der Budapester Strasse eröffnen wird wie gerade offiziell bekannt wurde. Exakt in dem Gebiet rund um den Bahnhof Zoo, wo einst die Hipness, welche die jungen Easyjet-Holländer heute in Mitte vergeblich suchen, mit dem Mythos Christiane F. entstand.
Vielleicht hätte man sich gewünscht, dass Andreas Murkudis als Fels in der Brandung im hysterischen On und Off von Läden und Boutiquen im angestammten Mitte bleibt. Für ihn persönlich aber, scheint es, als finge er da wieder an, wo er einst aufgehört hat: in einem Museum im Westen. Nur das die schönen Dinge diesmal käuflich sind. Herzlichen Willkommen im Murkurdis’schen Museum der Käuflichkeiten.
Zur Eröffnung gestern Abend inszenierte Kostas Murkudis zusammen mit dem Sound- und Videokünstler Carsten Nicolai seine Spring/Summer Kollektion 2012 in einer multimedialen Fashion-Show. Es war auch die Premiere einer geschneiderten Damenkollektion, die Kostas Murkudis zusammen mit der einzigen in Deutschland von Hand genähten Marke Regent debütierte. Fiorella Tombolini, die italienische Besitzerin von Regent und Chefin beim feinen Schneider Tombolini, sagte vor der Schau, dass die Zusammenarbeit mit dem Berliner Avantgarde Designer ein “Projekt von größter Bedeutung“ sei, um den deutschen Markt zu erobern. Murkudis, der schon seit Jahren zusammen mit Regent raffinierte Männer Anzüge macht, präsentierte sich dann auch in Hochform mit seiner fast auf schwarz und weiß reduzierten Schneiderei, indem er auf den Körper geschnittene Smokings und Mäntel mit Rückentaschen auf den Catwalk schickte. Wie immer, waren die besten Looks für seine Muse, das Berliner Model Luca Gadjus reserviert. So etwas hat Berlin lange nicht gesehen: gute Kunst und gekonnte Mode.
Andreas Murkudis, Potsdamer Strasse 77-87 Haus E, 10785 Berlin, www.andreasmurkudis.com
Im Westen Was Neues
From: Nicole Urbschat

