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OBSESSION: STOFFSAMMLUNG
Die STOFFSAMMLUNG ist auf den ersten Blick ein flüchtiges Gut, da sie in jedem Heft als Einstieg all das versammelt, was uns an Nachrichten, Scoops und Klatsch über den Weg gelaufen ist. Weil daraus im Laufe der Zeit aber eine Art fortlaufendes Modelexikon der Gegenwart geworden ist, haben wir ihr nun hier einen Platz eingerichtet: Zum neu lesen, wer sie noch nicht kennt, zum Nachlesen, wer sich an etwas erinnern will und, wie in jeder Ausgabe von Achtung selbst, zum Vergnügen am Lesen allgemein.
STOFFSAMMLUNG ACHTUNG 16 MAERZ 2010
Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
Hat Deutschland auch noch immer keinen besonderen Ruf als Modeland, so doch einen weltweit hervorragenden, wenn es um Museumsausstellungen zum Thema geht. Ob wie gerade im Gropius Bau in Berlin, wo F.C. Gundlach seine Modefotografie Kollektion zeigt, oder in der Vergangenheit die Ausstellung von Modefotograf Herbert Tobias, der ein Vorbild für die ganze Generation Tillmans und Pfeiffer ist. Man nimmt es gerne Ernst mit dem Thema. So wird das Museum für Moderne Kunst in diesem Jahr dem Thema Modefotografie in den Neunziger Jahren eine gesamte Schau widmen. Dabei wird es vor allem um die entscheidenden Leute gehen, unter ihnen Nigel Shafran, Corinne Day und Anders Edstroem. Es war eine Zeit, in der es primär um Kreativität der Aussage ging, um den Versuch, neue Arten des Sehens entstehen zu lassen: Eine Momentaufnahme aus jener Zeit, der unmittelbar die Gleichmacherei moderner Digitalfotografie folgte.
Markus Höfels
Der Berliner Modeinvestor Markus Höfels kann es einfach nicht lassen: Ein Label nach dem anderen, das unter Obhut seiner Icon Fashion Group steht, gibt auf oder meldet Konkurs an. Nach Unrath&Strano, Kai Kühne und Sisi Wasabi geht es dieses Mal um das beste Pferd im Stall der Gruppe. Das von der talentierten Designerin Meike Vollmar etablierte Label Macqua hat kurz nach der Berlin Fashion Week mit der traurigen Nachricht des Konkurses auf sich aufmerksam gemacht. Vollmar zeigte ihre in Berlin designten Kollektionen in der Regel in New York und zeichnete sich vor allem durch die urbane Eleganz ihrer Kleider aus. Was Höfels eigentlich genau im Schilde führt mit seiner mittlerweile an der Börse notierten Gruppe ist uns äusserst schleierhaft, denn es ist schlichtweg unfassbar, dass nun schon mehr als vier hoffungsvolle Talente unter seine Führung die Segel streichen mussten. Ganz zu schweigen von seinem kolossalen Fehlstart mit Berlin Liebling Michael Michalsky, der zum Glück die Weitsicht hatte, Höfels rechtzeitig unter hohen Kosten aus der gegründeten GmbH zu klagen. Wir versprechen, auch weiterhin der Icon Fashion Group auf die Finger zu schauen, so dass wenigstens die nächste Generation an Berliner Talenten gewarnt ist.
Modeminister
Wir bei Achtung haben eigentlich nur die Mode im Auge und wollen das auch besonders Ernst nehmen. Also nur ganz nebenbei hier mal eine politische Idee: Wir plädieren für die Einführung eines Modeministers, oder einer von der offenen Hand kontrollierten Stiftung, die sich der Mode in Deutschland annimmt – vor allem der Berlin Fashion Week. Irgendwie ist es nämlich komisch, dass sich innerhalb kürzester Zeit drei verschiedene Interessengruppen innerhalb der Modewoche etabliert haben. Da gibt es die unglückliche IMG und ihr Zelt am Bebelplatz, dann den Jenaer Karl-Heinz Müller und seinen Tempelhof und zu guter Letzt den Liebling der Szene, Michael Michalsky mit seiner Michalsky Style Night, bei der auch die angesagten Labels Kaviar Gauche und Lala Berlin vertreten waren. Was das für die Besucher bedeutet ist klar: große Verwirrung, wann man wo zu sein hat, denn alle buhlen um Aufmerksamkeit. Dazu kommen dann noch die großen Marken wie Boss, die gerne die Bühne Berlin bespielen und ihre Hollywood Stars einfliegen lassen, und das Kuddelmuddel ist perfekt. Wenn es aber eine auf die ernsthafte Etablierung von Mode aus Deutschland ausgerichtete Institution von öffentlicher Hand geben würde, die das alles koordiniert, dann könnte man aus dem Standort Berlin glatt eine Modemetropole machen.
Zac Posen
Auch in der Modewelt gibt es immer wieder sogenannte Wunderkinder. Genau wie in der Film – und Kunstwelt. Und wie dort sind sie meistens von der Kritik gemacht – und genauso schnell wieder vernichtet. Erst kommt es nach inspirierten Grosstaten auf dem Laufsteg zu aufgeblasenen Lobeshymnen der Kritiker. Das geht eine Weile lang gut, und irgendwann wird dann scharf geschossen. So geschieht es gerade dem ehemaligen Darling der New Yorker Modeszene, Zac Posen. Ein, zwei Saisons lang hatte er das begehrteste Show Ticket der Stadt, meistens wegen seiner ersten Reihe, in der sich Hollywood Stars wie Nathalie Portman mit Rappern wie 50 Cent und Moguln wie Donald Trump ein Stelldichein gaben. Die Kleider waren meistens „bias cut“ mit viel Rüschen und Seide, und irgendwann fiel dann jemandem auf, dass man das schon woanders besser gesehen hatte. Posen aber baute ein perfekt großes Ego auf, hatte sogar einen kurzen Moment den Dampfplauderer Puff Daddy zum Investor, und versprach die Lancierung von mehreren Nebenlinien und Parfüms. Was daraus wurde? Eine präzise Reportage der New York Times zum Thema tief gestürzter Stern in der Modebranche, in der klar wird, dass Posen wohl keine Chance hat, beim momentan herrschenden Klima durch Kleiderverkauf wieder auf die Beine zu kommen.
Intersection Magazin Deutschland
Wir finden es ja schon nicht so toll, dass viele neue Magazine in Deutschland immer nur Titel sind, die aus anderen Ländern adaptiert werden. Neuestes Beispiel: das Grazia Magazin. Gleichzeitig kann es aber auch aufregend und befruchtend für die Medienwelt hier sein, wenn ein Produkt seiner neuen Heimat intelligent anverwandelt wird. Bestes Beispiel aus der jüngsten Zeit ist die deutsche Version des Intersection Magazins, die unter Federführung vom Berliner Medienmenschen Goetz Offergeld seit etwa einem halben Jahr auf dem Markt ist. Bereits im Original gefiel uns das an die Fernsehsendung „Der siebte Sinn“ erinnernde Feature „Don`t try this at home“. Deutschland als Autoland schlechthin hat da sicher noch etwas Luft zwischen ADAC Motorwelt und GQ Cars. Die Editorials kommen frisch und durchdacht daher, und vor allem die von Offergeld selbst gestylten Modegeschichten stechen durch erstaunlich kompetente Umsetzung hervor.
Patrick Mohr
Einer der besten Nachwuchsdesigner Deutschlands – wer hätte das gedacht – kommt nicht aus Berlin. Nach Damir Doma aus Bayern, der gerade in Paris sehr konsequent eine große Karriere als Männerdesigner angeht, ist mit Patrick Mohr aus München nun der zweite süddeutsche Mann im Spiel. Der wiederum zeigt seine Kollektionen in Berlin und sticht vor allem durch seinen unkonventionellen Zugang zur Mode hervor. Er bringt zum Beispiel schwere Bodybuilder oder sogar Obdachlose auf seinen Laufsteg; das ist natürlich zunächst Pose und Provokation, lenkt aber auch Aufmerksamkeit darauf, was gezeigt wird. Zu Recht. Denn gleichzeitig zu seiner Gabe, sich ins Gespräch zu bringen, besitzt er ein sehr feines Verständnis dafür, Teile richtig und gut am Körper sitzend zu schneiden. Und, fast am besten, er ist ein großartiger Kolorist, der fast blind die richtigen Farben wählt und einander gegenüberstellt. Wir schauen ab sofort noch genauer hin.
Joop
Eigentlich sollte man drei Ausrufezeichen neben den Markennamen Joop stellen, denn es ist ungeheuerlich, was sich die Holy Group mit der Marke so alles leistet. Erst wird der wegweisende Designer Dirk Schönberger an Bord geholt und man lässt ihn so richtig Geld ausgeben, um die Marke vor Mode DNA nur so strotzen zu lassen: Modeschauen an ikonischen Plätzen wie dem Olympiastadion, Hamburger Bahnhof, dem Berghain inklusive Justice Konzert oder sogar der neuen Nationalgalerie, bei der die besten Models der Welt eingeflogen werden und fünfstellig bezahlt werden, was das Schauinvestment Richtung eine Million treibt. Desweiteren Werbekampagnen mit einer der teuersten Fotografinnen überhaupt, Inez van Laamswerde, dem Model Natasha Poly als Kampagnengesicht und dem legendären Joe McKenna als Stylisten, alles wiederum im sechsstelligen Bereich. Ganz nebenbei noble Dinners mit der Toppresse in der Alster Villa, neues Ladenkonzept in Hamburg und so weiter und so fort. Denn Schönberger hat Geschmack und eine Vison. Doch anstatt nun Nutzen aus der Re-Positionierung ziehen, wird schwäbisch kleinlaut ein Rückzieher gemacht, Schönberger abgeschoben, das Ganze auf langweilige Konfektion re-designt (so zu sehen in der letzten Schau) und, um den Vogel abzuschießen, das komplette Unternehmen von der vornehmen Hanse nach Kreuzlingen in die Schweiz verfrachtet. Da sagen wir nur: Au weia, Grueziwol!
STOFFSAMMLUNG ACHTUNG 14 SEPTEMBER 2009
DongXiang-Gruppe
Die erste gute Nachricht: Michael Michalsky gibt es zu. Anders als all die anderen Designer, die alle zwei Wochen heimlich nach Italien fahren, um für eine namenlose Sportswear- oder Konfektionsfirma zu arbeiten, hat Michalsky schon immer offen gesagt, dass er auch mal Geld verdienen muss – sei es bei MCM, sei es bei Tchibo. Die zweite gute Nachricht: Jetzt entwirft er als wohl erster deutscher Designer Mode für China. Für „China Dongxiang“, einen großen Sportswear-Konzern mit Tausenden von Läden im Reich der Mitte, entwickelt er eine komplette Indoor-Sports-Kollektion. Das bedeutet, dass chinesische Marken mehr Wert auf Design legen und dass sie ihre Produkte in Zukunft auch in anderen Ländern verkaufen wollen. Für die deutsche Mode bedeutet die Zusammenarbeit, dass uns das Label „Michalsky“, das sich noch nicht selbst trägt, erhalten bleibt. Wenn die Michalsky-Abteilung „designlab“ weiter solche Auftragsarbeiten an Land zieht, kann „Michalsky“ noch ziemlich lange unprofitabel bleiben. Recht so. Was geschäftlich Gewinn abwirft, ist ja modisch oft langweilig.
Markus Höfels
Die Icon Fashion Group wächst und gedeiht unter der Führung des „Mode-Verwesers“ (Achtung Nr.12) Markus Höfels. So hat es zumindest den Anschein. Ein großer Start mit Odeeh bei der Berlin Fashion Week, eine neue Beteiligung bei Tillmann Lauterbach (der in unserem Paris-Privé-Portfolio vorgestellt wird) und Interesse an den Senkrechtstartern Ohne Titel aus New York: Es sieht alles sehr zielstrebig aus, obwohl es jetzt schon unmöglich ist, Labels wie Unrath & Strano, Macqua oder Elfen Couture unter einem gemeinsamen modischen Nenner zusammenzufassen. Wir werden unser Visier auf die Umtriebe dieser Firma weiter scharf gestellt lassen bezüglich des Unternehmers Höfels, denn soeben ging die Nachricht ein, dass der Verweser wieder zugeschlagen hat. Die Icon Fashion Group und die Sisi-Wasabi-Designerin Zerlina von dem Bussche haben sich „in beiderseitigem Einverständnis“ getrennt. Besonders schade für von dem Bussche, dass Höfels den gut aufgebauten und bekannten Namen Sisi Wasabi behalten darf und mit neuen Designern bestücken will. „Unser Team hat sich komplett aufgelöst, weil sich die Icon Fashion Group weder strategisch noch finanziell an die Absprachen gehalten hat“, so von dem Bussche, die hoffentlich einen Neustart schaffen wird.
Kai Kühne
Für Achtung war es die beste Modenschau, die Berlin von einem deutschen Designer bisher gesehen hat. Am letzten Abend der Mercedes-Benz Fashion Week hat der Bremer Designer Kai Kühne das Zelt am Bebelplatz zum Toben gebracht, und ausnahmsweise ging es nicht um Sekt, Bier, Autos oder Kameras, sondern rein um Mode. Kühne zeigte seine elegant reduzierten Kleiderentwürfe aus feinsten Stoffen an Models, denen die Pupillen aus den Augen zu springen schienen, dank eines Linsenherstellers aus Leipzig. Alles war konzentriert, auf den Punkt gebracht und zeigte, welche Kraft dieser Designer hat, wenn es um die Garderobe einer modernen Rebellin geht, die auf Kunstausstellungen und in Architektenbüros zu Hause ist. Urban und cool. In solcher Form wäre der Wahl-New-Yorker sogar eine gute Idee als Designer bei Escada. Leider hat Kai Kühne mit seinem mittlerweile auf Eis liegendem Label „Myself“ ähnliche Erfahrungen mit der Icon Fashion Group gemacht wie Sisi Wasabi, und ist momentan nicht mehr im Geschäft. Aber was für ein Abschied!
Ryan McGinley
Wer sich den Einheitsbrei der aktuellen Modekampagnen so anschaut, bekommt das kalte Grausen. Es scheint, dass die digitale Fotografie und die mit ihr einhergehende Gleichmacherei im Look nie schlimmer war. Allen voran schreiten die beiden Stars der Szene Mert Alas und Marcus Piggott, die für Valentino oder Givenchy tätig waren. Es sind Fotos, die vollkommen ohne Leben sind und mehr über den Retuscheur als die Fotografen aussagen. Da kann man es nur als erfrischend bezeichnen, dass der junge New Yorker Kunststar Ryan McGinley von den großen Modefirmen entdeckt wird. Nach seiner Wrangler Jeanskampagne, die in Cannes einen Lion d’Or gewann, zeichnet er nun auch für den Look von Missoni und Stella McCartney verantwortlich. Pikanterweise hat er nun genau diesen Kunden dem in Ibiza (sic!) wohnenden Duo Mert und Marcus weggeschnappt. Wir freuen uns, dass echter Film über Digitalfotos triumphiert. So passt auch das Revival unseres Cheffotografen in Zürich, Walter Pfeiffer, ins Bild. Seine Dias sind momentan besonders bei Carine Roitfeld und der französischen Vogue gefragt.
Mode-Milliardäre
Gerade in Zeiten, in denen es bei den meisten Luxusmarken nicht so toll läuft, muss man auch mal sagen, dass viele Leute mit der Mode sehr, sehr reich geworden sind. Wie reich die Herrscher der internationalen Luxusgüterbranche tatsächlich sind, wissen wir nun dank des Magazins Forbes. Sicherlich keine Überraschung ist die Nummer-eins-Position von Bernard Arnault in der Weltrangliste des Modereichtums. Aber es ist schon erstaunlich, dass selbst mitten in der Krise die Tendenz seines Aktienportfolios nach oben zeigt und er auf ein Vermögen von 16,5 Milliarden Euro geschätzt wird. Der Mann schlägt jeden Negativtrend und nutzt ihn zu seinem Vorteil. 1985 hatte er 15 Millionen Dollar in die Marke Christian Dior investiert und seinen Vorstoß in die Luxusbranche eingeleitet. Die Marke Dior ist auch weiterhin voll in Familienbesitz, und da nun auch Kris Van Assche bei Dior Homme zur Höchstform aufläuft, sollten sich die Gewinne hier nur mehren.
Der passionierte Kunstsammler Francois Pinault steht auf Platz zwei mit geschätzten 7,6 Milliarden Euro. Und da bei seinen wichtigsten Investition, der Marke Yves Saint Laurent, unter Führung von Valerie Herman und Designer Stefano Pilati gerade der Turnaround in schwarze Zahlen gelang, kann es bei ihm auch nur weiter aufwärts gehen – denn die bekannteste Modemarke der Welt ist ein Riese, der nur auf kommerzielle Ausrichtung wie die Marke Gucci wartet.
Die Nummer drei wird nicht von einem Geschäftsmann, sondern von einem waschechten Designer bekleidet. Natürlich Ralph Lauren, der es mittlerweile auf 3 Milliarden Euro bringt und seiner Konkurrenz zeigt, wie man in Zeiten der Krise handelt. Lauren hat erst vor kurzem auf der sündhaft teuren Avenue Montaigne in Paris ein neues Geschäft aufgemacht, das fast so groß ist wie seine legendäre Rhinelander Mansion in New York. Wenn die anderen schwächeln, dann klotzt Lauren. Genau wie sein italienischer Kollege Giorgio Armani, der gerade auf der Fifth Avenue in New York ein Riesen-Monokaufhaus eröffnet hat. Armani gibt keine Auskünfte über sein Privatvermögen. Aber wir schätzen mal: dicht hinter Ralph.
Jil Sander
Wir können es kaum erwarten, die ersten Teile ihrer Zusammenarbeit mit dem japanischen Retailriesen Uniqlo im Laden zu sehen. Auf dem Label wird nur ein ominöses „J“ stehen, da Frau Sander ja nicht mehr ihren Namen benutzen darf. Mittlerweile hat schon fast jeder einen Kaschmirpullover für unglaubliche 79 Dollar auf seinem letzten New-York-Trip eingekauft. Sollte Uniqlo niedrige Preise auch für die „J“-Linie realisieren, könnte es zum ersten Mal auch Spaß machen, Jil Sander zu kaufen. Ach ja, hier noch ein wildes Gerücht: Frau Sander hat den Job als Creative Director bei Uniqlo nur angenommen, damit CEO Tadashi Yanai, mit 4 Milliarden US Dollar einer der reichsten Männer Japans, die Marke Jil Sander von den aktuellen Besitzern Onward Kashiyama, ebenfalls aus Japan, zurückkauft. Auch wenn das nicht passieren sollte, Achtung freut sich riesig über das Comeback der Designerin, die mit ihrem Werk auch die Gründung dieses Magazins inspiriert hat. Sie hat gezeigt, dass typisch Hamburger Snobismus mit intelligenten Schnitten und besten Materialien Weltruhm erringen kann.
Stilvorbild
Jetzt, da es die Vanity Fair Best Dressed Liste leider nicht mehr gibt, hat sich Achtung dazu entschieden, die neue Kolumne Stilvorbild einzuführen. Denn irgendeine Instanz des guten Modegeschmacks muss es ja geben in Deutschland. Wir wollen unser Augenmerk vor allem auf noch nicht so bekannte Menschen werfen, die den Massenmedien bislang entgangen sind. Nach ersten Recherchen kann man sogar sagen, dass dies oft bewusst geschieht, denn es gibt hierzulande zwar viele Leute, die gerne Geld für Designermode ausgeben, sich aber partout nicht auf einschlägigen Listen wiederfinden wollen. Daher nun unser ermutigender Aufruf an alle Galeristen, Architekten, Schauspieler, DJ’s und andere Feingeister, die den Unterschied zwischen Margiela vor Renzo Rosso und danach stilsicher erklären können: Zeigen Sie sich selbst unserer Redaktion oder schlagen sie andere vor. Unter HYPERLINK "mailto:stilvorbild@achtung-mode.com"stilvorbild@achtung-mode.com werden wir alle Eingänge prüfen. Bis zur nächsten Ausgabe zur Berlinale 2010 werden wir eine schlagkräftige Jury unter der Federführung unserer ersten Gewinnerin, Nicolette Krebitz zusammenstellen, um eine Top Zehn der am besten angezogenen Leute Deutschlands mit entsprechendem Modeportfolio zu erstellen.
Moritz von Laffert
Der Deutschland-Chef von Condé Nast in den neunziger Jahren, Wolf Hoffmann, war in der Branche als Bonvivant und Gentleman mit perfekten Manieren bekannt. Ihm folgte Ehrgeizling Bernd Runge, der nicht nur der Chef in Deutschland war, sondern auch neue Märkte für die Newhouses erschloss, vor allem in Osteuropa – denn Runge kann Russisch. Beides waren Männer, an die man sich nach einem Treffen noch lange erinnert. So trugen sie dazu dabei, dass Condé Nast Deutschland immer ein „money-maker“ war für den New Yorker Verlag. Nach dem Ausscheiden Runges und langer Suche war man also besonders gespannt, wer nun der neue Mann sein würde. Er heißt Moritz von Laffert und kommt aus dem Hause Axel Springer. Momentan ist bei Condé Nast Glamour das am besten laufende Heft, die deutsche Vogue feiert dieses Jahr dreißigjähriges Jubiläum (und sieht neuerdings auch endlich mal wie eine Vogue aus Deutschland aus), und Runges Neugründung Myself sowie GQ stehen gut im Markt. Aber nachdem die mit riesigem Aufwand gestartete Wochenzeitschrift Vanity Fair eingestellt werden musste, steckt Condé Nast Deutschland wieder in der Luxusnische. Eine Rückkehr von VF als Monatstitel oder ein Start des Condé Nast Traveller oder Wired scheint mehr als fraglich. Aber so wie sein Vorgänger Bernd Runge sieht von Laffert sehr gut aus und wird sicherlich Spaß am neuen Bonbon in seiner Arbeit haben: die Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp auf Modenschauen zu begleiten. Übrigens: Seine Frau arbeitet schon bei Condé Nast.
Karolin Wolter
Im Moment kommt die neue Garde der deutschen Models aus dem Schwabenland. Nachdem zuletzt Toni Garrn aus Hamburg und Katrin Thormann aus Kiel mit ihrer unterkühlten, blonden Schönheit dafür sorgten, dass Deutschland auch in der Modelweltrangliste zu Russland und Brasilien aufschließen konnte, haben wir es nun der Balingerin Karolin Wolter zu verdanken, dass ein deutsches Gesicht die interessantesten Editorials der i-D und italienischen Vogue ziert. Wolter wohnt zusammen mit Tabea Koebach in einer WG in New York. Koebach, auch eines dieser neuen Models, hat es schon in ihrer ersten Saison ins Casting der Ralph-Lauren-Schau geschafft und kommt aus der gleichen Ecke wie Karolin. Wolter hinterließ bleibenden Eindruck, als sie letzte Saison das erste Model war, das Raf Simons für seine Jil-Sander-Schau über den Laufsteg schickte. Sie zeichnet sich vor allem durch ihre einzigartigen Posen aus, die jedes Foto von ihr nicht zur Abbildung ihrer Schönheit macht, sondern zu einer visuellen Referenzkette, der man sich kaum entziehen kann.
Wunderkind Men’s
Wolfgang Joop hat sich endlich entschlossen, seine persönliche Garderobe, die ihn zu einem der am besten angezogenen Männer Deutschlands macht, auch zur Grundlage einer Kollektion zu machen, und zeigte während der Pariser Männermodewoche zum ersten Mal Wunderkind Men’s. Es gab große Karos auf den Jacketts, überdimensional große und in Bayern gemachte Hüte, Jogginghosen mit Kummerbund und federleichte, wild bedruckte Schals. „So stelle ich mir den modernen Mann vor, exzentrisch und ein bisschen verrückt. Aber natürlich werden die Sachen von der besten Fabrik in Neapel handgenäht.“ Joop hatte in ein wunderschönes Hotel Particulier (das wir als Hintergrund für unsere Modestrecke „Im Souterrain der Garderobe“ wählten) auf der Rue de Bac geladen. Eine Gruppe Berliner Jungs führte seine schicken Anzüge vor, die noch dazu mit dem gebürtigen Potsdamer berlinerten: ein perfekt preußischer Auftritt an der Seine.
STOFFSAMMLUNG ACHTUNG 12 MAERZ 2009
Swiss Textile Awards
Die kleine Schweiz ist nicht gerade für Mode bekannt, das kann selbst ein Albert Kriemler mit Akris allein nicht für seine Eidgenossen rausreißen. Dafür kennen sie sich ganz gut mit ein paar anderen Dingen aus: feine Schokolade, Sprachverniedlichungen, Steuerpolitik und – Geldangelegenheiten. Der Nachwuchswettbewerb „Swiss Textile Award“ war deshalb zwar lange nicht der prestigeträchtigste, aber mit 100.000 Euro von Anfang an der höchstdotierte Modepreis der Welt – was sich am Ende dann doch wieder beim Prestige bezahlt macht. Weil junge Designer heute noch mehr auf zusätzliche Finanzhilfen angewiesen sind, wurde das Teilnehmerfeld in den letzten Jahren immer hochkarätiger. 2006 gewann Christian Wijnants, 2007 Bruno Pieters, der daraufhin gleich von Hugo verpflichtet wurde, im vergangenen November Rodarte, die sich gegen die bislang beste Konkurrenz durchsetzten: Richard Nicoll, Toga, Jean-Pierre Braganza, Louise Goldin und Cathy Pill. Wetten, dass Zürich bereits das Lieblings-Reiseziel 2009 für Designer ist?
Escada Chefdesigner
Wir finden, es ist an der Zeit, dass auch in Deutschland das französische Model der Markenerhaltung bei der Mode eingeführt wird: starke Marke braucht starken Designer. Der Meister des Systems, Monsieur Bernard Arnault, hat erfolgreich den exzentrischen John Galliano bei Dior installiert und so die Marke am Leben erhalten. Jetzt gibt’s mit Phoebe Philo einen neuen Anlauf bei Celine. Dieses Rezept würde auch Deutschland gut bekommen. Denn hier holen sich Marken lieber Unbekannte, die gerne im Hintergrund stehen, auf den Designer-Chefsessel, siehe Rena Lange, Boss oder auch Escada. Da Bruno Sälzer mitten in der Umgestaltungsphase ist, hier zwei Vorschläge, wie seine angeschlagene Modemarke wieder Interesse beim Publikum erwecken könnte: 1. Bernhard Wilhelm, 2. Christopher Kane.
Kooperation II
Am Anfang lästerten viele, die Mercedes-Benz sei lediglich der teuer erkaufte „Shuttle Service" der Berlin Fashion Week, und ansonsten sollten sich die Schwaben auch lieber nicht in Dinge einmischen, von denen sie nichts verstehen. Mittlerweile muss man dem Autobauer vor allem dankbar sein, dass er sein Engagement in diesen Zeiten nicht sofort eingestellt hat, sondern bis 2011 (?) bei seiner Zusage bleibt. Und zumindest nach außen hin nimmt die Zusammenarbeit auch immer bessere Formen an: Zum zweiten Mal steht das Hauptzelt auf dem repräsentativen Bebelplatz, das neue Gesicht der Fashion Week ist Julia Stegner, ein weltweit erfolgreiches Model, das endlich die dringend benötigte internationale Ausrichtung vermittelt. Mit Facelifts kennen sich die Motoristen von Mercedes-Benz eben aus.
Hedi Slimane
Es ist immer wieder interessant zu sehen, was Hedi Slimane so macht. Zwar kursieren kaum noch Gerüchte bezüglich seiner Rückkehr in die Mode, dafür macht der Pariser in einer anderen Disziplin, die wir von ihm kennen, von sich reden, und wie: er fotografiert die neue Prada Männerkampagne und hat sie keinem geringeren als Steven Meisel weggeschnappt. Dazu wird er jetzt von der mächtigsten Fotografenrepräsentanz der Welt vertreten: Art and Commerce in New York. Wie schon in seinem exzellenten Berlin Buch bei Steidl zu sehen war: Der Mann meint es einfach ernst mit der Fotografie.
Do you read me?
Eine Modehauptstadt braucht auch gute Modezeitschriftenläden gibt. Also nicht nur Kioske oder gutsortierte Boutiquen mit Medientisch, sondern ganze Läden, die nichts anderes als Modeblätter verkaufen. In dieser Hinsicht war Berlin bislang terra incognita. Nun gibt es aber Do You Read Me? auf der Auguststrasse. Vom stadtbekannten Grafikdesigner Mark Kiessling erfunden, führt der Laden wirklich jedes wichtige Mode- und Kulturblatt der Welt und ist ganz nebenbei auch noch schlicht gut gestaltet. Als Beilage noch folgendes: Wer einfach nur verweilen will, kann dort sogar in Ruhe lesen.
Moderierende Models
Einige Aussetzer gab es beim Swiss Textile Award immer noch: Die Models im Allgemeinen (Aushilfs-Kräfte) und die Moderatorin im Besonderen (Teilzeit-Kraft). Franziska Knuppe, die mittlerweile erfolgreich die Schweizer Heidi Klum bei der Fernsehshow „Supermodel“ gibt, war derart nervös, dass sie selbst die Begrüßung vom Zettel ablas, um sich danach konsequent durch den Abend zu haspeln. Dabei ist sie normalerweise talentierter und charmanter am Mikrophon als manche ihrer Kolleginnen (Eva Padberg oder eines der „Topmodels“). Aber das ist vielleicht auch kein Kunststück.
Vintage
Ein paar Leute haben hier offensichtlich etwas missverstanden: Das Wort „Vintage“ mag wörtlich übersetzt zwar „alt“ und „altmodisch“ heißen, im modischen Sinne ist jedoch vor allem „klassisch“, „erlesen“ und „vergriffen“ gemeint. Die Verwandlung eher mittelguter Second Hand Läden in Vintage-Boutiquen ist an sich schon arg, aber was hören wir nun? Filippa K eröffnete in Stockholm einen Vintage-Laden, und sowohl Wunderkind in Berlin als auch Unrath und Strano veranstalteten im November einen Vintage-Sale. Kurze Frage zur Sache: Hießen alte Kollektionen früher nicht schlicht Last Season?
Kooperationen I
Swarovski und Viktor & Rolf. Viktor & Rolf und Samsonite. Samsonite und Alexander McQueen. Alexander McQueen und Puma. Puma und Sergio Rossi. Frei nach dem Motto „der Weg zu zweit ist halb so weit“ wuchern Kooperationen in der Mode immer weiter. Dabei geht es längst nicht mehr um kreative, sondern meistens nur noch um kommerzielle Verbindungen. Allmählich scheinen sich Kooperationen zu den neuen Lizenzen zu entwickeln. Was passiert, wenn man davon zu viele hat, war schon in den 90ern eindrucksvoll zu beobachten. Vielleicht bleibt man in Zukunft besser mal allein.
Hermès
Das Haus Hermès ist für äußerste Diskretion bekannt: keine laute Werbung, kaum Interviews der Geschäftsführung, keine Prominenten, die mit den Produkten hausieren geschickt werden. Nur in einem Punkt sind die Franzosen ganz offen: Ihre Erfolgsbilanz. Im dritten Quartal 2008 wurde der Umsatz wieder einmal um rund 15 Prozent gesteigert. Warum das so ist? Davon erzählt die jeweils neueste Ausgabe des Hermès-Magazins.
Eleonore Scherrer
In Berlin gibt es keine socialites wie Pat Buckley in New York: Damen, die das Vermögen ihrer Männer oder Eltern gezielt dazu einsetzen, um die schickste Mode zu tragen. Es gibt mittlerweile erste, gute Versuche in Berlin, siehe Frau Boros, aber von einem ganzen Set schicker und topangezogener Damen ist man noch weit entfernt. So wurde die Berliner Szene wie vom Blitz getroffen, als die Pariser Haute Couturier Tochter Eleonore Scherrer im Grill Royal und auf der Tanzfläche der Panorama Bar Einzug hielt. Mit einer coolen Wohnung auf der Karl-Marx-Allee und einem personal style, der high-end Eklektizismus mit Pariser Klassik und kurzen Röcken verbindet, beeindruckte Scherrer sogar Carine Roitfeld, die sie in Editorials der französischen Vogue zeigt. Mehr Einwanderer mit Stil, bitte, nicht nur Künstler!
Phoebe Philo
Das Designer-Karussell hat sich im vergangenen Jahr so schnell gedreht, dass den meisten Designern noch ordentlich schwindelig sein dürfte. Nicht einmal die hochgelobte Alessandra Facchinetti überdauerte mehr als zwei Saisons an der Spitze von Valentino. Um so gespannter warten alle auf die erste Celine-Kollektion von Phoebe Philo, dem Wundermädchen der Mode, das einst Chloé ganz nach vorne brachte, sich aber 2006 verabschiedete, um mehr Zeit für ihre Familie in London zu haben. Tatsächlich könnte Philo die Trendwende bringen und wieder einmal länger in die Rentenkasse einzahlen: Ihr „Cool-Chic“ ist genau das, was die Marke Celine braucht, da stimmen Job- und Bewerber-Profil, anders als bei Valentino/ Facchinetti ausnahmsweise überein. Und LVMH ist, anders als das von Finanzinvestoren getriebene Label, nicht für kurzfristige Designerwechsel bekannt: Marc Jacobs bei Louis Vuitton und Riccardo Tisci bei Givenchy haben Dauerengagements, sogar Stuart-Vevers-Vorgänger Jose Enrique Ona Selfa bekam bei Loewe sechs lange Jahre Zeit, sich zu beweisen.
Fashions New Frontier
Die Modewelt erkundet neue Grenzen: Brioni eröffnete Stores in Baku (Aserbaidschan) und Almaty (Kasachstan), Armani in Chonquin (China), Burberry wird nächstes Jahr in Jekaterinenburg (Russland) zu finden sein und Mercury, die unter anderem Versace, Ralph Lauren und Gucci in Russland vertreten, planen für die olympischen Winterspiele 2014 bereits das Sotchi Luxury Village. Luxuslabels fühlen sich eben traditionell dort am wohlsten, wo viel Wohlstand und wenig Sättigung herrscht. In Amerika und Europa ist das immer seltener zu finden. Moderedakteure müssen also demnächst ihren Diercke Weltatlas griffbereit haben, um bei Boutiqueeröffnungen noch Durchblick zu behalten.
Net-a-porter
Natalie Massenet hat ihren Platz als „Queen of Internet Shopping“ in der Modehistorie bereits sicher. Als die großen Marken noch glaubten, das Massenmedium sei ihrer Handtaschen nicht würdig, gründete sie 2000 ihr Portal Net-a-porter und hielt konsequent an ihrer Idee fest – völlig zu Recht. Der Umsatz verdoppelt sich mittlerweile Jahr für Jahr. Weil Deutschland einer der wichtigsten Märkte in Europa ist, wird es ab Mitte des Jahres die deutsche Version geben. Das Timing könnte nicht besser sein: In der Wirtschaftskrise ist das Internet der Königsweg für diskretes „shame shopping“.
Michelle Obama
Carla Bruni gehört noch zum alten Establishment der First Ladys: Kostüm, Pillbox-Hütchen und Schmuck so dezent wie ihre politische Rolle. Michelle Obama hingegen machte bereits im Wahlkampf deutlich, dass sie sich keineswegs als klassisches Beiwerk versteht und deshalb auch beim First Lady Style einen „change“ anstrebt: weniger klassischer Lady-Chic, mehr selbstbewusstes Power-Dressing. Kleider und Kostüme werden mit dicken Gürteln akzentuiert, dazu trägt sie auffällige „Power Pearls“. Schwarz ist häufig, Knallfarben jedoch genauso. Das schwarz-rote Narciso Rodriguez Kleid aus der Wahlnacht war sicherlich bisher nicht ihr stärkster Auftritt. Allerdings hat Michelle Obama bislang auch keinen Stylistin. Auch eine gute Form von „Change“.
Kathrin Thormann
Es passiert circa alle fünf Jahre, dass ein deutsches Model das Gesicht der Saison wird. Zuletzt geschehen, als Julia Stegner von Tom Ford entdeckt wurde und exklusiv über den Laufsteg von Yves Saint Laurent geschickt wurde. Bei der Bremerin Kathrin Thormann war es die Modechefin der deutschen Elle, Kerstin Schneider, die Kathrin für die Modenschau zum 20then Jubiläum der Zeitschrift in Berlin auf den Catwalk schickte, Das war im Juli 2008 – danach ging es rund mit den Buchungen, und zwar weltweit. Höhepunkt war die Prada-Schau in Mailand. Mittlerweile ist Kathrin so oft ins Model-Mekka New York geflogen, z.B. um für Steven Meisel auf dem Cover der italienischen Vogue zu posieren, dass die Einwanderungsbehörden sie nicht mehr rauslassen wollen.
Rene Storck
Die Goethestrasse in Frankfurt ist eine der profitabelsten Boutiquenstrassen der Welt. Neben Chanel, Burberry und Jil Sander sticht ein Name auf der Prachtmeile heraus: Rene Storck. Er hat in Frankfurt seine Schneiderlehre und so ganz nebenbei unter dem Radar der Modepresse einen Namen als Maßschneider für Bankiersfrauen gemacht. Mit Grund: Die Kleiderstangen auf den zwei Stockwerken seines mit eklektischen Möbeln subtil akzentuierten Ladens sind gefüllt mit fein geschnittenen Stücken aus bestem Stoff.
STOFFSAMMLUNG ACHTUNG 11 SEPTEMBER 2008
Die Geschwister Arnault
Bernard Arnault ist der Gründervater der Luxusgütergruppe. Er besitzt einmaliges Fingerspitzengefühl im Umgang mit schwierigen Designern und ist ein erfahrener Börsenjongleur. Nun beweist er wieder einmal kluge Voraussicht, indem er schon jetzt an die Nachfolgereglung im Unternehmen denkt. Seit etwa einem Jahr gibt es keine Modenschau eines Designers innerhalb der LVMH-Gruppe, bei der nicht auch Delfine und Antoine Arnault in der ersten Reihe bei Papa und Mama sitzen, Stars unterhalten und fachsimpeln. Antoine kümmert sich vorerst bei Louis Vuitton um außergewöhnliche Werbekampagnen mit Ikonen wie Michael Gorbachev und Keith Richards, während Delfine kräftig bei Pucci mitmischt.
Riccardo Tisci
Seine Ernennung zum Chefdesigner des Hauses Givenchy war milde gesagt eine grosse Überraschung, denn der Italiener war bis dahin gänzlich unbekannt. Es gab zwar eine erste, aufsehenerregende Präsentation in Mailand, bei der Tiscis Busenfreundin, das Model Mariacarla Bosconi, alle ihre bekannten Freundinnen zum Mitmachen überredete und alle Modeinsider anwesend waren. Aber das reicht nun einmal nicht, um das Erbe bei einem der traditionsreichsten Haute Couture Häuser in Paris anzutreten. Nach zähem Beginn hat Tisci endlich Fuss gefasst und zeigt dem Haus angemessene Kollektionen für Damen, die sich auch noch gut verkaufen. Alles beeinflusst von Gothic, religiösen und südamerikanischen Motiven. Ergo wurde sein Vertrag verlängert und ihm auch noch die Männerkollektion übergeben. Ein klarer Beweis des Vertrauens vom Chef Arnault. Der Auftrag: radikale Neuorientierung und eine dicke Modespritze, um es dem Erfolgsmodel Dior Homme innerhalb LVMH nachzumachen. Die Vision dazu hat Tisci.
Lanvin Jeans
Alber Elbaz ist ein begnadeter Designer und ein schlauer Fuchs, wenn es ums Geschäft geht. Nachdem er von der schwedischen Marke Acne das Angebot bekam, eine Jeans zu machen, sagte er nur unter der Bedingung zu, dass gleich eine Minikollektion aus mehreren Teilen daraus werde. So kommen die copywütigen Schweden also doch mal an originales Design ran. „Ich träume davon, dass Lanvin eines Tages ein Mini Luxus Supermarkt wird, bei dem es Jeans, Kinder und Schwangeren Abteilungen gibt“, scherzte der Designer, als er die Kooperation mit Acne vorstellte. Höhepunkt: die mit Jeanne Lanvin Ärmeln versehenen Denimkleider und Shorts für Männer. Die Kollektion wird in Lanvin- und ausgewählten Acne-Boutiquen verkauft werden.
Adam Kimmel
In keiner anderen Stadt sind in den letzten Jahren so viele neue Männermodedesigner an den Start gegangen wie in New York. Da kann sich Mailand nur neidisch die Augen reiben, dort gibt es seit Jahren keine Neulinge mehr in der Herrenmode. Die Labels Tim Hamilton, Band of Outsiders, Patrick Ervell, Loden Dager oder an der Spitze Thom Browne werden mittlerweile enthusiastisch von den amerikanischen Medien unterstützt. Besonders nennenswert ist Adam Kimmel, ein verschrobener New Yorker, der in jeder Kollektion einen Overall zeigt und sich von den Kleidern der Westküsten-Künstler wie Ed Ruscha inspirieren lässt. Alles wird in Italien genäht und überzeugt durch gelungene Harmonie zwischen amerikanischer Arbeitsbekleidung und italienischer Tradition.
Mario Testino
Er ist das Darling unter den grossen Modefotografen. Ausser seinem Talent hinter der Kamera besticht der Peruaner auch durch fundierte PR Kenntnisse, denn kein anderer Fotograf kümmert sich dermassen hinreissend um seine Kunden. Testino glänzt mit Anwesenheit wann immer einer seiner grossen Kampagnenkunden zum Defile bittet: Versace, Burberry, Hugo Boss und so weiter. Jetzt hat sich Testino nach Stationen in New York, Paris und London unsere Hauptstadt Berlin als Spielwiese auserkoren und fotografiert soviel es geht hier. In einer Sonderausgabe fuer die deutsche Vogue brachte er es sogar fertig, das Set einer Versace Parfum Kampagne als redaktionellen Beitrag unterzubringen und dafür mit einem Gala Dinner im Grill Royal gefeiert zu werden. So wird er nur zum Michel Comte mit internationalem Flair und bringt die modischen Bildwelten aus Berlin, so wie Helmut Newton es einmal genial tat, nicht wirklich weiter.
Ayzit Bostan
München macht sich still und leise daran, Berlin den Titel als Kreativhauptstadt streitig zu machen. Es gibt DJ Hell, Gomma Dancefloor Musik, Mirko Borsche Layouts, Konstantin Grcic Industriedesign und – Ayzit Bostan Mode. Die Türkin stattet so ganz nebenbei jeden Kreativschaffenden in der bayerischen Landeshauptstadt und anderswo mit ihren unaufgeregten Designs für Männer und Frauen aus. Nun ist sie eine lukrative Kollaboration mit dem Taschenhersteller Bree eingegangen, um ihre einfache und intelligente Formensprache endlich einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
Labelfinder
Die besten Ideen sind meist die simpelsten: Die neue Webseite „TheLabelFinder.com“ ist im Grunde nichts anderes als ein riesiger Herstellernachweis im Netz. Aber genau das gab es eben noch nicht. Über eine Suchmaske lässt sich dort jetzt immer schnell nachschauen, wo eine Marke in welcher Stadt erhältlich ist. Angefangen mit Berlin sollen demnächst alle internationalen Mode-Metropolen gelistet sein. Die Grafik der Seite ist dabei angenehm unfashionable. Vielleicht ein guter Rat des eigentlich branchenfremden Mitbegründers Heinz „Cookie“ Gindullis.
No74
Temporäre Läden und Guerilla-Stores macht mittlerweile so gut wie jeder, aber in diesem Jahr keiner besser als Adidas: der von der Marke „kuratierte“ Laden No74 in Berlin wurde erst wie eine Kunstinstallation mit ausgewachsenem Baum in der Mitte für Y3, dann wie ein orientalischer Basar mit Adidas Originals Produkten dazwischen hergerichtet. Seit Juli ist daraus ein permanenter Conceptstore geworden, der ausgesuchte Produkte aus den Linien adidas Sport Performance, adidas Originals und Y3 führt, dazu gibt es einen Mix aus Make-up, Möbeln und Kunst. Wen das an No6 in London erinnert, liegt ganz richtig. Das Projekt in Berlin ist gewissermaßen der kleine Bruder, gegenseitiger Austausch von Projekten und Ausstellungen inbegriffen.
No 74, Torstraße 74, 10119 Berlin
Zeit Magazin Leben
Die Medienwelt ist bekanntlich schnelllebig. Doch das Tempo, mit dem das neue Zeit Magazin Leben, am Donnerstag erscheinend, dem alteingesessenen Süddeutsche Zeitung Magazin, am Freitag erscheinend, im Kampf um den Status als must read den Rang abläuft, ist überraschend. Zumal der alte Neuling das Rezept zu grossen Teilen dem Konkurrenten abgeschaut hat. Vielleicht liegt es an dem einen Tag früher. Oder an kleinen Juwelen wie der Zigarette mit Helmut Schmidt. Da beide als Beilage erscheinen, müssen sie sich zwar nicht am Kiosk beweisen, aber dafür umsomehr mit innovativen Ideen kreativ glänzen. Die Audgabe ist die gleiche: Woche um Woche die aktuellen Thema einzigartig aufzubereiten. Im Moment gelingt das dem ZM besonders gut
Vanity Fair Best Dressed List
Was soll man sagen? Es gibt in unserem Lande halt wenig Orientierung, wenn es um gut gekleidete Menschen geht. Selbst Thomas Gottschalk oder Basti Schweinsteiger mit seinem weißen Schal gelten hier als Stilikonen. Gut, dass sich endlich eine kompetente Zeitschrift wie die Vanity Fair dafür entschieden hat, die seit langem im Amerika existierende „Best Dressed“ Liste auf Deutschland zu übertragen. Es wird wohl am Anfang schwierig werden, die richtigen Protagonisten zu finden. Aber immerhin gibt es jetzt eine Instanz, an der sich auch unsere Prominenten messen lassen müssen.
Donald Schneider
Der Schweizer Art Director Donald Schneider ist ein Meister seiner Zunft. Das hat er eindrucksvoll bewiesen, als er für Layouts der französischen Vogue unter Joan Juliet Buck als Chefredakteurin verantwortlich war und wegweisende Werbekampagnen mit jungen Fotografen wie Taryn Simon für Marken wie Chloe ins Leben rief. Nun zieht der aus Baden bei Zürich stammende Kreative von seiner Wahlheimat Paris nach Hamburg, um die Nachfolge von Tom Jacobi beim Stern anzutreten. Wenn ein derartiger Profi der gehobenen Bildsprache auf Gruner & Jahr Journalismus trifft, kann das spannend werden. Vielleicht findet der Stern so zu seiner Bildmacht der siebziger Jahre zurück?
Tom Meggle
Eigentlich wurde dieser Manager durch ein konsequentes Nein bekannt. Meggle ist der Sohn des erfolgreichen Butterherstellers Meggle und nach ein paar Jahren in der Firma mit dem Senior, entschied er sich eigene Wege zu gehen. Nicht zuletzt, um die persönliche Beziehung zum Vater zu retten. Nach erfolgreicher Arbeit bei Cartier wechselt Meggle nun zu Louis Vuitton und wird dort mit seiner Weitsicht und seinem Gespür für Luxus den deutschen Markt noch wichtiger machen.
Linda Farrow
Die Geschichte vom Sohn, der in den alten Kisten seiner Mutter stöbert und durch Zufall Hunderte der tollsten Sonnenbrillen entdeckt, ist mittlerweile oft erzählt worden. Schlechter wird sie dadurch nicht: Linda Farrow Vintage hat sich vom Geheimtipp zu dem Sonnenbrillen-Label entwickelt, mit dem alle zusammen arbeiten möchten: Luella, Veronique Branquinho, Raf Simons, Dries van Noten, Bernard Willhelm (…). Farrow-Sohn Simon Jablon kommt also offensichtlich ganz nach seiner Mutter. Die entwarf in den 70ern für Namen wie Balenciaga, Yves Saint Laurent oder Pucci.
Stuart Vevers
Man wäre gern dabei gewesen, als Stuart Vevers im Frühling dem Vorstand seine ersten Entwürfe für Loewe präsentierte. Handtaschen mit klobigen Vorhängeschlössern in Neonfarben, Schuhe mit Absätzen in Glühlampenform, Röcke aus gelbem Straußenleder – das grenzt an Anarchie im altehrwürdigen wie mittlerweile altmodischen spanischen Luxushaus. Aber genau das brauchte es auch, um die Marke wieder nach vorne zu bringen. LVMH hat mit der Verpflichtung des jungen Engländers alles richtig gemacht: Bereits bei Givenchy, Louis Vuitton und zuletzt für Luella und Mulberry hat Vevers bewiesen, dass er einer der besten Accessoire-Designer ist. Für eine Ledermarke wie Loewe die wichtigste Voraussetzung. Aber auch die Pret-a-porter ist so vielversprechend, dass man bei spanischer Mode demnächst vielleicht nicht mehr nur an die Inditex-Gruppe denkt.
Parallelwelt Berlin Fashion Week I
Bei aller Bescheidenheit – wenn es um die gezeigte Mode geht, so kann die Berliner Modewoche doch zumindest in einem Punkt überzeugen: den Locations. In Paris und Mailand ist es selbstverständlich, dass die repräsentativsten Palazzos, Kirchen und Spiegelsäle für Modenschauen umdekoriert werden. Dank der Produktionsfirma nowadays, die ein Monopol auf die Inszenierung von Defiles in Berlin hat, finden nun auch hier Schauen und Parties an Orten wie dem Flughafen Tempelhof, der russischen Botschaft, im Roten Rathaus oder sogar der Panorama Bar statt. Scheint, dass die Stadt verstanden hat, ihre besten Immobilien so ins Gespräch zu bringen. Dumm nur, dass deshalb keines der guten Labels im IMG Zelt zeigt.
Parallelwelt Berlin Fashion Week II
Das Wort „Topmodel“ wird ohnehin schon recht inflationär gebraucht. Den Titel einer Castingshow im Privatfensehen sollte man allerdings wirklich nicht als Berufsbezeichnung missverstehen. Beim Karstadt New Generation Award liefen alle drei Gewinnerinnen der Germanys Next Topmodel Staffeln und stellten eindrucksvoll ihre Kreisklasse unter Beweis. Ähnliche Verwechslungen gibt es bei dem Begriff „Promi“. Estefania Küster, Hubertus Regout – wer da alles in der ersten Reihe saß, würde in Paris nicht einmal bei der Abschlussschau einer Modeklasse zugelassen.
Designerkarussell
Designer behalten ihre Jobs mittlerweile auch nicht mehr länger als Bundesligatrainer. Lars Nilsson musste bei Gianfranco Ferré schon wieder gehen, noch bevor seine erste Frauenkollektion gezeigt wurde. Das gerade erst wiederbelebte Label Halston hat bereits Marco Zanini ausgetauscht. Und wer bei Chloé gerade entwirft, kann man sich gar nicht mehr merken. Geduld gehört leider längst nicht mehr zu den Eigenschaften von renditegetriebenen Luxus-Managern.
Bruno Sälzer
Bei Boss hat er bewiesen, dass er der beste deutsche Modemanager ist. Sein Meisterstück: Aus Boss Women eine Erfolgsgeschichte zu machen. Jetzt stellt sich die Frage wie lange der Freizeitjogger noch Runden über die schwäbische Alp drehen muss, bis sich im die nächste interessante Herausforderung bietet? Wir hoffen es passiert schnell, ob Escada oder anderswo. Die deutsche Mode braucht ihn.
Viktoria Strehle
Anscheinend ist Viktoria, die Tochter von Gerd Strehle, genau der richtige Führungsnachwuchs für Strenesse. Nachdem die Marke bereits bei der WM 2006 die Deutsche Nationalmannschaft ausstattete, aber vergaß, daraus auch Kapital zu schlagen, hat das die Marketing-Fachfrau Viktoria Strehle bei der Euro 2008 deutlich geändert. Dieses Mal wurden schon die Bilder vom Shooting mit Bryan Adams PR-technisch bestens ausgeschlachtet, Dank Jogi Löw und Oliver Bierhoff verkaufen sich die schmalen weißen Hemden wie geschnitten Brot. Ob Viktoria aber auch zur dringend notwendigen Moderelevanz beiträgt, bleibt dahingestellt. Die Strenesse Blue Kollektion, die sie mit ihrer Stiefmutter Gabriele verantwortet, hat bei der Berlin Fashion Week jedenfalls schlicht enttäuscht.
Claus Dietrich Lahrs
Der neue Vorstandsvorsitzende von Boss, Claus Dietrich Lahrs, ist auch ein optischer Gewinn für die deutschen Society-Seiten, denn er sieht verdammt gut aus. Doch zunächst wird der 44-jährige, erfahrene Manager wohl andere Dinge in Metzingen zu tun haben. Hauptaktionär Permira wünscht sich mehr Prestige und deutlich mehr Gewinn. Keine besonders originelle Jobbeschreibung in der Branche. Aber Lahrs dürfte mit seiner Erfahrung als Manager bei Dior Couture der richtige Mann für die Aufgabe sein.
GGG (German Gay Guard)
Es tut sich was unter den deutschen Modeschwulen. Ganz nach dem Vorbild der New Yorker „Velvet Mafia“ von Barry Diller, Calvin Klein und David Geffen, schickt sich unter der Schirmherrschaft von Michael Michalsky eine Gruppe Männer an, ihre Beziehungen auszuspielen und für ausreichend Pressefutter zu sorgen. Darunter Karl Lagerfeld, Klaus Wowereit, F.C. Gundlach, Clemens Schick, Dirk Schönberger, Ali Kepenek und Kai Kühne. So trägt Lagerfeld seit Wochen nur noch Michalsky Sonnenbrillen, Michalsky wiederum sitzt in der ersten Reihe bei Kühnes Berliner Laufsteg-Debüt, und wer sonst als Deutschlands best dressed man sitzt bei Dirk Schönberger zu Hause zum Steak.
Ralph Mecke
Deutsche Modefotografen haben oft einen schweren Stand in den heimischen Medien. Die Vogue versucht es lieber mit Neulingen aus New York wie Alexi Lubormirski oder Stars wie Mario Testino, Amica vertraut auf alte Kaliber wie Neil Kirk und die GQ nennt Gianpaolo Sgura ihren Hausfotografen. Doch allmählich setzen die aufwendigen Männermodeproduktionen von Ralph Mecke in der GQ und Vogue Akzente. Technisch versiert mit der nötigen Portion Fantasie sorgt Mecke dafuer, dass auch einheimische Produktionen internationales Niveau haben. Mit im Bund sind die Schweizer Indlekofer/Knöpfel und der Berliner Markus Jans für die Vanity Fair.
Martin Margiela
Bald feiert der enigmatische Belgier das 20-jährige Jubiläum. Sein Markenzeichen: subversive doch tragbare Mode für Galeristen und Künstler. Doch man munkelt, dass der Antwerpener unzufrieden ist mit der Führung seines Hauses durch die Manager bei Diesel und heimlich nach dem Geburtstag seinen Abschied plant. Quelle dieser Information: die allwissende Modekritikerin der New York Times, Cathy Horyn. Der Abgang eines der wichtigsten Mitglieder des weissgewandten Margiela Kults, Patrick Scallon, zum Konkurrenten Dries van Noten gilt hierbei als erstes Indiz.
Renzo Rosso
Man muss sich das so vorstellen wie bei Monopoly, wenn einer eine gutbesuchte und gutbebaute Badstraße besitzt, aber ständig nur auf das Dichterviertel schielt. Renzo Rosso hat mit Diesel und seiner Holding Only the Brave in den letzten dreissig Jahren eigentlich alles erreicht – auf Jeansmodenebene. Weil er aber so gern auch Prestige hätte, ist er unaufhörlich auf Einkaufstour: Bei Dsquared und Vivienne Westwood übernahm er die Produktion und den Vertrieb, nach Martin Margiela und Sophia Kokosalaki hat er kürzlich auch die Mehrheit an Viktor & Rolf übernommen. Sicherlich nun das Lieblingsstück in Rossos Markenfamilie. Bleibt zu hoffen, dass er von jeglicher Umerziehung absieht.
Hess / Miguel Adrover
Er ist der Mann mit dem wahrscheinlich schlechtesten Timing der Modegeschichte: Bei den New Yorker Schauen im September 2001 hatte Miguel Adrover seine von einer Ägyptenreise inspirierte Kollektion mit verschleierten Models und Kaftanen gezeigt, drei Tage später passierten die Anschläge auf das World Trade Center. Überflüssig zu erwähnen, dass die Karriere des Spaniers am Ende war. Seither lebte er wieder auf Mallorca, wo ihn Wolf Lüdge, der Geschäftsführer von Hess Natur kürzlich aufspürte. Er will seine Marke mit Adrovers Hilfe verjüngen und modischer werden. Bei Ökomode sollte es mit dem Timing diesmal keine Probleme geben.
Georgina Stojilkovic, Frau für besondere Aufgaben
Aus Kroatien kommen immer wieder Models, in die sich die Modewelt verliebt. Nach dem Dauerbrenner Natasha V, scheint nun Georgina Stojilkovic an der Reihe zu sein. Im Dauereinsatz diesen Sommer, von der Pariser Haute Couture bis zur Präsentation der Cruise Collection von Gucci in Rom, hat sie mit ihrem couragierten Auftritt beim Finale der Christian Dior Haute Couture als Frau für besondere Aufgaben überzeugt. Sie lief als letztes Model auf halsbrecherisch hohen Schuhen, das Publikum sah sie schon mehrmals kurz vor einem Sturz. Doch Georgina hielt durch. Und als jeder dachte, sie würde das Finale entnervt auslassen, kam sie nochmals über den Laufsteg im Musee Rodin stolziert, um es allen zu zeigen. „Es hat mir Spass gemacht,“ sagte sie nur lapidar. Wahrscheinlich ist sie nun für schwierige Outfits abonniert.
Alois Loew
Jede Boutique würde mit diesem Sortiment sofort vor die Hunde gehen: Versace neben Ralph Lauren, Prada Seite an Seite mit Calvin Klein und Burberry, dazu Swarovski und Schmuck von Dodo. Alois Loew hingegen hat es mit diesem Gemischtwarenladen zur besten und am stärksten wachsenden PR-Agentur Deutschlands gebracht. Sein Geheimrezept: Anpassungsfähigkeit und Kundennähe! So trifft man Loew auf einer Modenschau immer im Zwirn des jeweiligen Designers an, immer.
Modekoch Tim Raue
Schon klar, dass Tim Raue zu den Lieblingsköchen der modernen Menschen gehört. In seiner Küche gibt es keinen weißen Zucker, kein weißes Mehl, keine zu großen Portionen. Damit ist er zuletzt Koch des Jahres geworden und hat sich einen Michelin-Stern verdient. Sein neues asiatisch angelegtes Restaurant „Ma“ im Hotel Adlon wird bereits mit den Maisons von Joel Robuchon verglichen, der typische Satz ist „Das könnte genauso in Paris, New York oder London stehen!“ Stimmt aber nicht. Das Restaurant ist wie sein Chef absolut Berlin.
Pol Roger Pure Brut
Darauf hätte man längst kommen können: Frauen, vor allem die in der Mode, lieben Champagner. Er macht keine Flecken, keine Kopfschmerzen, enthält aber leider 92 Kalorien pro Glas. Jetzt hat das Haus Pol Roger, schon die Lieblingsmarke von Winston Churchill, den Diät-Champagner „Pure Brut“ mit nur noch zehn Kalorien herausgebracht. Ganz London trinkt bereits nichts anderes. Ausgelöst hat den Trend übrigens Kate Moss. Wer sonst.
Penkov und KPM
Designer-Porzellan ist so fragwürdig wie Designer-Wandfarbe. Bei der Kooperation von KPM mit der vielgelobten Designerin Bernadett Penkov ging es allerdings nicht darum, ein hübsches Dekor für die Traditionsmanufaktur zu entwerfen. Passend zur Sommerkollektion 2009 entstanden Schmuck und Showpieces aus Porzellan, die in die Kleidung integriert wurden: Schulterplatten, Colliers, Ziernähte – alles so delikat und anmutig wie Zuckerguss. Davon will man mehr sehen.
Elizabeth Thurn und Taxis
Junge Aristokraten sehen besser aus denn je. Allen voran die Tochter von Prinzessin Caroline von Monaco, Charlotte Casiraghi. Sie geht ihren Ziehonkel Karl Lagerfeld bei seinen Chanel Modenschauen besuchen und taucht gerne auch mal auf Kunstvernissagen auf. Immer top angezogen und viel fotografiert. Deutschlands Antwort ist Elizabeth von Thurn und Taxis, die erst von ihrer Mutter Gloria von der Öffentlichkeit abgeschirmt gross wurde, und jetzt dabei ist sich ein eigenes Profil zu erarbeiten. Da Onkel Alexander von Schönburg bei der Vanity Fair arbeitet, hat Elizabeth diesen Sommer die Haute Couture Schauen fürs Blatt als Spezialreporterin verfolgt. Das ist eine tolle Idee, denn sie sieht gut aus, ist schlau und witzig und bleibt gerne mal bis zum Schluss auf Parties. Und wenn sie ein clothes horse wie ihre Mama wird, dann dürfen wir uns endlich mal wieder auf eine deutsche Stilikone mit nobler Herkunft freuen.
Trudie Goetz
Tom Ford ist ein pingeliger Mann wenn es um die Auswahl seiner Mitstreiter geht. So hat er mittlerweile das halbe Team, das früher mit ihm Gucci grossgemacht hat eingestellt (Lisa Schiek, Tom Mendenhall, Whitney Bromberg Hawkings usw.), um sein ehrgeiziges Tom Ford Männerlabel nach vorne zu bringen. Seine Partnerwahl um die zweite Boutique nach der New Yorker Madison Avenue aufzumachen: ein Joint Venture mit der Zürcher Boutiquen-Königin Trudie Goetz. Das ist eine vielsagende Aussage zur Wichtigkeit des Standortes Zürich und zum Renomme von Goetz in der internationalen Modewelt. Goetz überzeugt durch eine unnachahmliche Begeisterung für ihre verkauften Designer und kennt ihr reiches Publikum wie ihre eigene Chanel Westentasche.
Alessandra Facchinetti
Die Frau hat Nerven: Erst als Tom Fords Nachfolgerin scheitern. Und es dann einfach mal mit Valentino aufnehmen. Als sich die neuen Besitzer des römischen Modehauses für Alessandra Facchinetti entschieden, müssen sie irgendetwas gewusst haben, was anderen zuvor entgangen war. Jedenfalls hätte der schmalen, schüchternen Person kaum jemand diesen Triumphzug zugetraut. Bereits die erste Pret-a-porter Präsentation vergangenen Oktober war ein Achtungserfolg. Allerdings begeisterte hier schon der Umstand, dass die junge Designerin überhaupt eine Valentino angemessene Schau zustande gebracht hatte. Nach der über und überbestickten, elaborierten Haute Couture Kollektion war jedoch klar: A star is born. Spätestens jetzt sollten alle Nicht-Italiener die richtige Aussprache ihres Nachnamens lernen.
STOFFSAMMLUNG ACHTUNG 10 MAERZ 2008
Berlin Fashion Week
Es lief besser für die Berlin Fashion Week diesen Januar. Nachdem bei der Premiere im Juli 2007 einiges schief lief, vor allem das Zelt am Brandenburger Tor, konnte sich die Veranstaltung dank starker Schauen der deutschen Megamarken Hugo und Joop ein wenig rehabilitieren. Jetzt kann man nur hoffen, dass der nächste internationale Gastdesigner nach Zac Posen durch Anwesenheit glänzt und so Renommee verbreitet.
Esteban Cortazar
Der Modedesigner aus Bogotá hat schon einige Rekorde gebrochen. Er war mit 17 der jüngste Designer, der jemals eine Kollektion unter eigenem Namen präsentierte, so geschehen auf der New York Fashion Week in 2003. Nun überrascht er wieder, indem er sich als amerikanischer Designer einen Topjob bei einem Pariser Haute-Couture-Haus gesichert hat. Emanuel Ungaro setzt ab sofort auf das in Miami aufgewachsene Wunderkind. Sein Stil: sexy Florida.
Cookies Cream
Um sein Karma rein zu halten, wollte die Nachtleben-Institution Cookie kein Fleisch mehr anbieten in seinem neuen, mittlerweile dritten, Restaurant. Also hat er das beste vegetarische Restaurant in Berlin eröffnet. Es sitzt wie in seiner ersten Inkarnation direkt über dem Club Cookies Unter den Linden. Alle Gerichte wurden von Sternekoch Michael Kempf und dem Cookies-Küchenteam entwickelt. Und das im unvergleichlichen Design mit offener Küche von Berlins bestem Clubeinrichter Jörg Schumann. Wohnzimmer 2.
Escada
Wie viel Ruderwechsel hält eine Marke eigentlich aus? Escada aus München ist ein Paradebeispiel. Der russische Mehrheitsaktionär Rustam Aksenenko hat mittlerweile den Gründer Wolfgang Ley und seinen Nachfolger Frank Rheinboldt vor die Tür gesetzt und ein neues Team um den Franzosen Jean-Marc Loubier installiert. Loubier hatte aber mit seinem letzten Job bei Céline Schwierigkeiten, weil er es nicht geschafft hat, aus einem Accessoire- ein Modehaus zu machen. Jetzt muss er der Rendite wegen aus einem Mode- ein Accessoirehaus machen. Wenn die große Tasche in der neuen Werbekampagne, getragen von Christy Turlington, ein Anzeichen ist, dann geht er seine Aufgabe äußerst geradlinig an.
Ilikemystyle.net
Das Internet wird auch in der Mode immer bedeutender. Obwohl die meisten Top Modemagazine immer noch keine anständige Webpräsenz haben, sind Blogs mittlerweile die neuen must-reads. Nach dem Sartorialist (HYPERLINK "http://www.thesartorialist.com/"www.thesartorialist.com) und Facehunter (HYPERLINK "http://www.facehunter.com/"www.facehunter.com) ist „ilikemystyle“ die neue Adresse für Hipster. Anstatt fashionistas auf der Straße zu fotografieren, lässt ilikemystyle seinen Inhalt von den Nutzern selbst generieren. Also sieht man erfrischend freche Selbstportraits von Frauen und Männern, die ihren Look preisgeben und ihre Eitelkeit feiern. Toll.
Toni Garrn
Nach Claudia Schiffer, Nadja Auermann, Christina Kruse und Julia Stegner ist es wieder mal soweit. Deutschland schickt einen blonden Engel ins Rennen der internationalen Topmodels. Toni wurde in Hamburg entdeckt und hat sich durch ihren neuen Calvin-Klein-Vertrag soeben in den Modelhimmel katapultiert. Immerhin sind Kate Moss und Natalia Vodionova ihre Vorgängerinnen.
Markus Höfels
Vor drei Jahren war er die Hoffnung aller jungen deutschen Modedesigner. Der Berliner Investor Markus Höfels war früh und medienwirksam beim New Yorker Hitlabel Proenza Schouler eingestiegen und hat sich sein Geld mit der Berliner Kaffeekette Einstein verdient. Er gab sehr viele Interviews und traf noch mehr nach einem Backer suchende Designer. Dann ging seine Liaison mit Proenza Schouler und Michalsky so schnell zu Ende, dass man sich wundern muss, was es nun mit seiner neuen Icon Fashion Group auf sich hat. Will er ernsthaft die Mode von Talenten fördern – oder sich selbst?
Nina Hoss
Während sich die deutsche Stilpresse auf Diane Kruger und ihre Hollywoodkarriere konzentriert, reift hierzulande unter dem Radar die Schauspielerin Nina Hoss. Eigentlich eine klassische Fassbinder-Frau: groß, schön, mit Busen. Eigentlich wartet sie nur darauf, von der Mode entdeckt zu werden. Legendär ihre Bilder in der ersten Ausgabe von Zoo, wo sie von Terry Richardson nackt fotografiert wurde, oder ihre Rolle im neuen Nicolette Krebitz-Film „Das Herz ist ein dunkler Wald.“ So sieht ein deutscher Star aus.
Kai Kühne
Eigentlich müsste er in Berlin leben und Michael Michalsky dabei unterstützen zu beweisen, dass man auch mit deutschem Pass selbstbewusst und verrückt sein kann in der Mode. Doch der Bremer Kai Kühne, früher Mitglied von As Four, die sich jetzt As Three nennen, fühlt sich zu wohl in New York. Hier hat er es endlich geschafft, seine ganz privaten Irrungen und Wirrungen, regelmäßig in Page Six der New York Post dokumentiert, hinter sich zu bringen, um Kleider zu machen, die Uptown Lady und Downtown Cool perfekt in Einklang bringen.
Helmut Lang
Wir meinen nicht die Marke, übrigens diesmal vom New Yorker Schauenkalender abwesend, sondern den Wiener Designer, oder besser Künstler. Lang legt 2008 richtig los im deutschsprachigen Raum und eröffnet in der renommierten Kestner-Gesellschaft in Hannover eine große Ausstellung mit dem Titel „Schwer genug.“ Ob der notorische Nichtflieger Meilen sammeln wird und tatsächlich sein Exil auf Long Island verlässt? Wir sind gespannt.
Lanvin Homme
Designer Lucas Ossjendriver hat zusammen mit Kreativdirektor Alber Elbaz innerhalb von zwei Jahren aus Lanvin Homme eine Hitkollektion gemacht. Kein anderes Haus treibt die Stoffrecherche für Männer so weit und traut sich, auch mal Haute-Couture-Stoffe für Männer zu benutzen. Die Kollektionen sehen wie glanzpoliert aus und kreieren einen neuen Markt für super-elegante Männermode, die aktuelle Silhouette mit besten Stoffen verbindet.
Markus Mahren
Bei Hugo Boss war er bis Anfang 2007 verantwortlich für alles, was mit dem Image der Marke zu tun hatte. Also hat er jahrelang Hand in Hand mit den großen Kreativen der Modeszene, dem Art Director Fabien Baron, den Fotografen Craig McDean, David Sims oder Peter Lindbergh, dem Stylisten Karl Templer und dem Modeeventproduzenten Etienne Russo gearbeitet. Und das mit Arbeitsplatz Metzingen! Jetzt hat sich Karstadt seine Dienste gesichert, und er übersieht gerade eine Repositionierung der Kette nach Vorbild eines französischen Luxuskaufhauses wie Galeries Lafayettes. Auch in Deutschland kann ein Kaufhaus glamourös sein.
Wilfried Mayer
Neu auf dem Kalender in Paris, sieht es so aus, als ob der Wiener sich anschicken würde, eine neue Garderobe für den Wiener Opernball vorzuschlagen. Mayer spezialisiert sich auf radikal geschnittene Smokingjacken, die er mit dünnem schwarzen Rollkragen anstatt Hemd kombiniert. Das ergibt einen modernen Look und hat Kuki de Salvertes von Totem dazu gebracht, ihn aufzunehmen.
Suzy Menkes
Sie ist der Star der Modekritiker. Fachlich fundiert und immer noch von großem Ehrgeiz beseelt, der sie regelmäßig mit ihrer kleinen Schnapsschuss-Kamera in den Backstage-Bereich führt, um Zitate zu sammeln und zu fotografieren. Auch scheut sie sich nicht, spätnachts auf Partys zu recherchieren. Doch es wird immer offensichtlicher, dass auch sie der Doppelbelastung durch Anzeigendruck und Befangenheit wegen Freundschaften mit Designern nicht immer gewachsen scheint. Denn die International Herald Tribune ist während der Modewoche immer in Werbung verpackt wie ein Weihnachtsgeschenk. Da hat man sich in letzter Zeit öfters am Kopf gekratzt, wenn es um die professionelle Einschätzung der Frau Menkes ging, vor allem bei der Kritik von großen Häusern.
Bernhard Niedersuess Junior
Außer in London und Neapel ist Maßschneiderei für den Mann heute nur noch in Wien zu Hause. Das Haus Knize am Graben steht für eine reiche Geschichte, die bis heute nicht an Aktualität eingebüsst hat, weil zum Wiener Opernball jedes Jahr hier der Mann den großen Wichs anlegt. Nun hat sich der Sohn des Meisters Niedersuess nach seiner Lehre u.a. bei Helmut Lang selbständig gemacht und ein eigenes Atelier gegründet. Um seine moderne Handschrift kundzutun, ist das Geschäft mit Tageslicht durchflutet. Dort baut er von der Pike auf seine elegangt körpernahen Zwei- und Dreiknopfsilhouetten.
Eva Padberg
Die Geschäftsfrau aus der Nähe von Erfurt ist ein Phänomen unter deutschen Models. Obwohl sie es nie richtig geschafft hat auf den internationalen Laufstegen, mit einer bemerkenswerten Saison, in der sie wirklich jede Schau lief oder großen Kampagnen, wie es Luca Gadjus oder Julia Stegner vormachen, ist Eva Padberg das beliebteste Supermodel Deutschlands Und das, obwohl sie nie richtig Model war. Vom Gesicht der Mercedes Benz Fashion Week über Kampagnen für Kaufhäuser und als Co-Moderatorin der Bambis – überall hört man sie am Rand reden, wie das so zugeht im internationalen Modelgeschäft. Heidi Klum und sie sind echte Weltmeister im Wannabe-Modelsein.
Permira
Wenn Banker Mode machen, bedeutet das meistens zu viel oder zu wenig Geld. Im Fall von Permira, so der Name der Investmentgruppe, die hinter der Valentino Fashion Group steht, wird es also spannend, zu sehen, wohin die Reise geht. Valentino selbst, Herzstück der Gruppe, wurde schnell geschasst, nachdem klar war, dass sein aufwendiger Lebensstil mit Schlössern und Jachten, die von der Firma bezahlt werden, nicht mehr in die spread sheets passte. Ersetzt wurde er durch Alessandra Facchinetti, die zuletzt Moncler aufmöbelte. Aber am spannendsten dürfte sein, was sich auf der Schwäbischen Alb abspielt. Der oberste Boss Bruno Sälzer hat schon das Handtuch geschmissen, wegen zu aggressiver Wachstumsziele der Permira Manager. So ist das, wenn großes Investmentgeld in der Mode Einzug hält, es zählt nur noch eins: Rendite.
Bruno Pieters
Belgien ist Geschmackszentrum der Mode, siehe Antwerpen Six und die Folgen. Da nimmt es nicht Wunder, dass Boss nach der Verabschiedung des langjährigen Hugo-Kreativdirektors Volker Kächele einen Belgier machen lässt. Der Beginn des Designers Bruno Pieters markiert so eine neue Ära für das Label. Sein wegweisendes Laufsteg-Debüt in Berlin Tempelhof im Januar gibt Anlass zur Hoffnung, dass Hugo nicht mehr nur Klamotten für ravehungrige Hedonisten macht, sondern wieder eine Marke ist, die den Deutschen zeigt, wie man sich cool anzieht, ohne ein Vermögen auszugeben.
PPR
Es besteht Anlass zur Hoffnung, dass die Modewelt einen ihrer frischesten Stars zurück bekommt: Phoebe Philo, die letzten Herbst schon unter großer Geheimhaltung eine Minikollektion für The Gap gemacht hat, steht offenbar in Verhandlungen mit Pinault Printemps Redoute. Francois Henri Pinault hat es zur Chefsache erklärt, die Designerin zurückzuholen, die seit ihrem Abgang bei Chloe aus familiären Gründen eine Lücke im Markt für wegweisende und verkäufliche Mode gelassen hat. Wir wünschen viel Erfolg.
Anzugmanufaktur Regent
Eine kleine Firma in Wasserburg am Inn im modischen Niemandsland zwischen München und Nürnberg hat sich der Aufrechterhaltung anspruchsvoller Schneiderei für Männer verschrieben. 1945 gegründet, ist Regent heute der einzige Herrenkonfektionär in Deutschland, der Anzüge in klassischer Schneidertradition überwiegend von Hand fertigt. Der Designer Kostas Murkudis hat die Qualität der Manufaktur erkannt und bietet in Zusammenarbeit mit den Wasserburgern eine modern geschnittene Linie von Anzügen, die durch kleine Details wie orangefarbenes Futter im Ärmel glänzen.
Rodarte
Es ist schon eine Weile her, dass New York wirklich interessante Modedesign-Talente hervorgebracht hat. Marc Jacobs, gewiss, und selbst Proenza Schouler haben sich jetzt langsam einen Namen gemacht. Ansonsten steht die New York Fashion Week eher für einen übervollen Kalender von schlechten Designern, die teilweise zu dritt oder zu viert zur gleichen Zeit Schauen haben. Kate and Laura Mulleavy aus Kalifornien mit ihrem Label Rodarte sind da rühmliche Ausnahme. Die beiden Schwestern machen aus dem Nichts so traumhaft schöne Kleider, dass man sofort an Paris und nicht an Pasadena/CA denkt. Man darf weiterhin gespannt sein.
Kuki de Salvertes
Der Gründer des PR-Büros Totem ist eine Pariser Legende. Der schlechte Ruf der Mode-PR-Branche ist ein Ergebnis von zu schnell sprechenden, zu viel versprechenden PR’s, die vor allem von Mode zu wenig wissen. Kuki ist ihr Gegenentwurf. Er hat eine unglaubliche Nase und ein untrügliches Gespür für Talent. Kein Wunder also, dass Raf Simons oder Veronique Branquinho bei ihm sind. Jetzt hat Kuki sich wieder neue Ziele gesetzt und verschreibt sich mit Haut und Haar der Männermode. Neu bei Totem: Julius, aufregender Leder-Designer aus Japan, Ute Ploier und Wilfried Mayer aus Wien mit gut geschneiderten Jacken und Hemden, Japans neue Männermodeentdeckung namens Attachment, und Juun J., Designtalent aus Korea. Daneben hat es natürlich auch noch Bernhard Willhelm und Walter van Beirendonck. Gemeinsamer Nenner Es handelt sich bei allen um individuell schöpferische Designer, copycats müssen draussen bleiben.
Giambattista Valli
Für „Achtung“ ist er der Designer des Jahres 2008. Der Römer hat schon einige Jobs hinter sich, Ex-Designer von Ungaro, Berater für Iceberg und mittlerweile fest in Paris etabliert mit seinem eigenen Label. Seine Schauen mixen italienische Radikalität im Schnitt mit französischer Eleganz beim Stoff. Er selbst ist Exzentriker, der Perlen trägt und House-Musik liebt. Das junge Hollywood schwört auf ihn, und jetzt hat er einen Vertrag als Kreativdirektor bei Moncler unterschrieben. Ironie der Geschichte: Vor ihm war Alessandra Facchinetti, die neue Valentino-Designerin, bei Moncler – und Valli galt als vielversprechender Kandidat, das Erbe des Couturiers anzutreten.
Milan Vukmirovic
Der Franzose, der auf den ersten Blick aussieht wie der große Bruder von Hedi Slimane, ist ein echtes Multitalent. Zuerst war er Einkäufer von Colette, dann kurz Designer von Jil Sander in Mailand. Zurück in Paris, hat Vukmirovic eine Schmuckkollektion für Dinh Van entworfen und gleichzeitig als Kreativdirektor das neue Männermodemagazin L’Officiel Hommes gestartet. Dann wird er dieses Jahr auch noch Ladenbesitzer in der Boomstadt Miami und hat sich soeben von Beatrice Trussardi als neuen Designer von Trussardi Men’s einstellen lassen. Einkäufer, Journalist und Designer in Personalunion: Nicht schlecht.

