Um Gosha Rubchinskiy gibt es einen großen Rummel. Seit Adrian Joffe, der Präsident von Comme des Garçons, den russischen Menswear Designer 2012 unter seine Fittiche nahm und Rei Kawakubos Label für Vertrieb, Marketing und Produktion seiner Entwürfe zuständig ist, verbreitet sich Rubchinskiys medial viel gefeierter „post-sowjetischer“ Stil in Kleid und Bild wie ein Lauffeuer.

Seine Fangemeinde auf Facebook und Instagram wächst beständig. Auf der Videoplattform Showstudio werden seine Kollektionen diskutiert und analysiert wie Prosa beim literarischen Quartett. Dazed Digital versucht, sich mit einem ausführlichen A bis Z seiner Welt zu nähern. Und der Einzelhandel vermeldet: lange Schlangen bei der Lancierung neuer Produkte. Ansonsten? Ausverkauft! Das geht so weit, dass der Berliner Concept Store Voo mittlerweile Multikäufe verbietet, um so die Weiterverkäufe im Netz, wo die Teile zu einem Vielfachen des eigentlichen Preises in Windeseile neue Besitzer finden, einzuschränken. Jeder Kunde darf jeden Style also nur noch einmal erwerben.

An Gosha Rubchinskiy kommt in der Mode momentan kaum einer vorbei

Wer sich zumindest hin und wieder in der Welt der Modemedien bewegt, wird an dem Russen mit dem kahlrasierten Schädel in letzter Zeit nicht vorbeigekommen sein. Wir können es uns also sparen, so detailliert wie unsere Kollegen auf seine Mode einzugehen, für die er in den letzten Saisons im Kern Referenzen sowjetischer Sportoutfits der 80er und Streetwear der 90er mit ikonischen russischen Symbolen und Schriftzügen, einer Prise Sex und einer bunten Mischung sämtlicher Jugendkulturen – vom Punk über den Raver bis zum Skaterboy – miteinander vermengte. Das Ergebnis: Funktionierend gesampelte, russisch angehauchte Streetwear, die durch die clevere Kombinationsgabe von Lotta Volkova, der russischen Stylistin, die auch beim französischen Label Vetements für das Styling zuständig ist, erst die richtige Coolness gewinnt – bevor sie dann von Rubchinskiy zu Bildern weiterverarbeitet wird.

Immerhin ist Rubchinskiy auch passionierter Fotograf, dessen Bildbände und Fanzines wie „Transfiguration Book“ oder „Youth Hotel“ genauso schnell vergriffen sind wie seine Mode verkauft ist. Darin zu sehen? Kids in profillosen Problembezirken, die von Gentrifizierung noch nichts zu spüren bekommen haben. Jungs, optisch irgendwas zwischen Skater, Außenseiter und Schlägertyp, die keinem klassischen Schönheitsideal entsprechen, oft mit Pickeln, manchmal mit Kratzern und Platzwunden im Gesicht. Nicht selten hängen die bösen Buben rauchend und saufend vor heruntergekommenen Plat- tenbauten herum, die schon vor dem Fall des eisernen Vorhangs reif für einen Todeskuss von der Abrissbirne gewesen wären.

Inhaltlich betrachtet nichts Ungewöhnliches also. Die Faszination für eine Ästhetik des Armen und Hässlichen – meist am stärksten ausgeprägt bei Menschen, die das Arme und Hässliche nie erfahren haben – kennt man ja bereits, seit Heroin keine Droge mehr ist, sondern ein Synonym für Chic und die Modefotografie (Larry Clark oder Wolfgang Tillmans) genauso gern soziale Sperrbezirke und deren Schulkinder ausleuchtet wie funkelnde Klunker und glattpolierte Strandschönheiten.

Anders als Rubchinskiy, der im Moskauer Plattenbau aufgewachsen ist, stammen seine Models nicht selten aus gutbürgerlichen Elternhäusern, aus Städten wie Bremen, Hamburg oder einem hübschen Londoner Vorort.

Ein Unterschied besteht nunmehr darin, dass der 32-jährige Rubchinskiy, vor allem aber seine meist nur halb so alten Follower, anders als die visuellen Vorreiter, eine Zeit mit eisernem Vorhang gar nicht mehr miterleben konnten. Und dass Rubchinskiy heute zum Casting seiner Jungs nicht nur die Straße, sondern das Internet zur Verfügung steht. Auch für seine Modenschauen findet er Models am liebsten auf Instagram. Die sehen im Bild übrigens oft nur nach bösen Buben aus russischen Problembezirken aus: Anders als Rubchinskiy, der im Moskauer Plattenbau aufgewachsen ist, stammen seine Models nicht selten aus gutbürgerlichen Elternhäusern, aus Städten wie Bremen, Hamburg oder einem hübschen Londoner Vorort.

Ein besonders harter Fankern hat sich übrigens in der geschlossenen Facebook-Gruppe „Gosha Rubchinskiy Talk“ zusammengeschlossen, mittlerweile sind es an die 13.000. Fast alle Mitglieder sind männlich und viele davon minderjährig. Gosha Rubchinskiy Talk ist einerseits ein Kleiderumschlagplatz, andererseits eine Community, in der es um Neuigkeiten aus dem Hause Rubchinskiy geht. Aber auch um ganz alltägliche Dinge wie Liebe, Freundschaft, Sexualität. Fast könnte man das virtuelle Boys-Only-Treiben mit dem eines Jugendkults vergleichen – bei denen schließen sich ebenfalls Jugendliche zusammen, deren Gemeinschaft sich um ein gemeinsames Interesse dreht. Und das ist in diesem Fall eben Gosha Rubchinskiy, bei dem die Jungs noch böse Buben spielen dürfen.

Bislang zog Rubchinskiy seinen vielerorts geliketen „post-sowjetischen“ Stil noch freudig durch wie seine Facebook- und Instagram-Jungs heimlich ihre Cannabistüten.

Eine waschechte Jugendkultur sind die Gosha Boys wohl aber kaum, positionieren sich Jugendkulturen doch in der Regel gegen das, was die „Erwachsenen“ gut finden. Das sieht man dann auf Anhieb an ihren konform-verneinenden Kluften. Bei Rubchinskiy und seinen Followern ist das anders. Seine Kollektionen gehen im System Mode hervorragend auf.

Bislang zog Rubchinskiy seinen vielerorts geliketen „post-sowjetischen“ Stil also noch freudig durch wie seine Facebook- und Instagram-Jungs heimlich ihre Cannabistüten. Jetzt scheint er selbst seiner Sache derart überdrüssig zu sein, dass er in Sachen Mode mit der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2017 fast schon mit ihr brach. Bis auf die „Soviet“-Verfremdung der Logos angestaubter Sportmarken wie Fila oder Kappa ähnelten seine Entwürfe mit lockeren Anzügen und Vintage-Bezügen dieses Mal eigentlich nur noch moderner sportlicher Streetwear.

Womöglich ist ihm aufgegangen, dass das Bild, das er durch seine visuelle Sprache vom heutigen Russland erzeugt, eigentlich nur permanent westliche Klischees wiederkäut, die vielleicht auf der Unwissenheit oder einer gefühlten Überlegenheit gegenüber dieser gigantisch weitläufigen Nation basieren. Die westliche Welt denkt an arm, brutal und brachial. Alkoholisch, problembelastet, vielerorts perspektivlos. Dazwischen: raufende Jungs. Und obendrein ist es auch noch ungemütlich kalt. Man muss kein Freund der momentanen russischen Politik sein, um zu wissen, dass es dort natürlich auch anders zugeht.

Dieser Artikel ist erstmals erschienen in Achtung Ausgabe 32, September 2016.

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