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January 12

    Die Fotografin des Clubs der Fashion Worker

    From: Nicole Urbschat

    1. Anna Bauer in der Galerie Camerawork

    2. Backstage, das heißt mitten drin - im Trubel. Dort wo Outfits gewechselt, Models geschminkt und Looks, der letzte Schliff verliehen wird. Ein fast heiliger Ort, an dem abgeschirmt und nur wenigen zugänglich, über den Erfolg der Show entschieden wird. Die deutsche Fotografin Anna Bauer gehörte zu den Auserwählten und schuf eine Bilderreise hinter die Kulissen der Modewelt, eine Sammlung von 240 Protagonisten der Modenschauen in Mailand, Paris, London und New York. Anna Bauer Backstage, das Buch, designt von Star-Art-Director Fabien Baron, ist so eben im neuen Verlag von Angelika Taschen erschienen. Achtung sprach mit Anna Bauer vor ihrem offiziellen Booklaunch bei Camera Works Berlin.

      Achtung: Anna, wie wird man eigentlich Backstage-Fotograf?

      Anna Bauer: Per Zufall. Ich habe in London bei einem Fotowettbewerb der National Portrait Gallery mitgemacht und erstaunlicherweise den 2.Platz gewonnen. Das hatte allerdings gar nichts mit Mode zu tun. Unter den Juroren war aber eine Frau, die zur London Fashion Week ein Daily Newspaper herausbringen wollte und die hat mich dann gefragt, ob ich nicht die Portraits machen möchte.

      Achtung: Und wie ging es dann weiter?

      Anna Bauer: Ich habe mich ziemlich schnell mit den anderen Backstage-Fotografen angefreundet. So war ich plötzlich irgendwie in dieser Backstage-Foto-Gang drin. Was gar nicht so einfach ist. Es ist ziemlich schwer, da einen Zugang zu bekommen und es gibt weltweit vielleicht nur so zehn bis zwölf Fotografen, die das überhaupt machen. Die haben mich dann mitgenommen nach Mailand und Paris – und mich überall reingeschmuggelt.

      Achtung: Klingt nach einem harten Business.

      Anna Bauer: Definitiv, Du musst mit allen Wassern gewaschen sein. Ein Nein, ist keine Antwort! Die Marken finden es natürlich toll, dass Du für PR sorgst, aber Du stehst immer im Weg, bist nie wirklich beliebt und letztendlich nur ein zusätzlicher Body, der auch noch Platz wegnimmt.

      Achtung: Trotzdem scheint die Backstage-Welt ja eine Faszination auf die auszuüben, sonst wärst Du ja nicht zu dem Projekt gekommen.

      Anna Bauer: Es gibt eine totale Faszination. Wahrscheinlich ist es dieser eine Punkt, die Show, auf den alle zusammen hin arbeiten. Der Zeitdruck, dass alles auf die Minute funktionieren muss – eine ziemliche Energie, die in einem so begrenzten Raum entsteht. Der Revierkampf spielt sicherlich auch eine Rolle.

      Achtung: Revierkampf?

      Anna Bauer: Na ja, dadurch dass es so schwierig ist als Fotograf einen Access zu bekommen, muss man sich dort eigentlich andauernd behaupten, kämpfen gegen die anderen Fotografen, dass sorgt schon für eine Menge Adrenalin.

      Achtung: Deine Portraits wirken trotz dem ganzen Backstage-Trubel sehr intim und poetisch und nur auf den ersten Blick wie Schnappschüsse. Wie schaffst Du das?

      Anna Bauer: Das macht meine Kamera. Ich arbeite mit einer Großformat-Kamera. Alle denken zwar immer, es wäre eine Polaroid, aber ich fotografiere lediglich mit einem Polaroid-Rückteil in der Großformat-Kamera. Die Leute müssen einfach still halten – das ist alles! Wenn ich da stehe mit einem Tuch über dem Kopf und Anweisungen gebe, dann müssen sie sich 2-3 Minuten total auf mich und die Kamera konzentrieren und das bringt sie irgendwie runter.

      Achtung: Fotografierst Du eigentlich vor oder nach der Show?

      Anna Bauer: Beides. Eigentlich mehr vor der Show, da insbesondere die Models nach der Show gleich zum Anna Bauer: nächsten Job müssen.

      Achtung: Kann man das deinen Portraits ansehen? Also, ob sie vor oder nach der Show aufgenommen wurden?

      Anna Bauer: Clare Waight Keller, die Chloé-Designerin, habe ich z.B. nach der Show fotografiert und sie lächelt vollkommen entspannt. Das hätte sie vor der Show wahrscheinlich nicht gemacht – es war ihre erste Show für Chloé.

      Achtung: Was ich mich gefragt habe: Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen den Backstage-Szenarien in Paris, Mailand und London?

      Anna Bauer: Oh, ja! London, mit seinen vielen Jung-Designern hat natürlich viel kleinere Backstage-Bereiche. Obwohl? Mailand hat teilweise unglaublich kleine Mini-Backstage-Areas, da die Shows da oft in sehr alten Häusern stattfinden. In Paris ist es eigentlich am schönsten. Dort werden die Shows auch Backstage ganz anders zelebriert. Es gibt Macarons und Teechen und so kleine Sandwiches mit Kresse. Ein Traum – das ist schon ein großen Unterschied zu den sonst gängigen Müsliriegeln.

      Achtung: Wo wir beim Essen sind. Insider: Wo gibt es denn das beste Backstage-Essen?

      Anna Bauer: Armani, definitiv Armani. Das ist wirklich toll, die haben immer so zwei ältere Damen Backstage mit Esspresso-Maschinen, von denen bekommt man alle Wünsche erfüllt. Ansonsten, ehrlich gesagt, die besten Backstage-Zeiten sind wahrscheinlich vorbei. Man hätte in den Achtzigern und Neunzigern dabei sein sollen.

      Achtung: Gibt es Shows auf die Du Dich besonders freust – mal abgesehen vom guten Essen?

      Anna Bauer: Ich habe mich immer sehr auf Galliano gefreut. Das war so sehr verträumt, voller Phantasie, verrückte Sets mit Karussell und Gaucklern – völlig abgedreht. Und McQueen. Das waren die Shows, die für mich immer heraus stachen. Ansonsten: Prada, weil das so herrlich alt-italienisch, bürokratisch durchorganisiert ist. Und Balmain, weil das meine erste Show in Paris war.

      Achtung: War es in der Regel eigentlich schwer an die Leute heranzukommen? Hat sich Dir jemand vielleicht sogar ganz verweigert?

      Anna Bauer: Miuccia Prada wollte sich leider nie portraitieren lassen. Und zu Balenciaga habe ich nie einen Access bekommen. Wir haben es immer wieder versucht, aber das war einfach nicht möglich. Ansonsten habe ich ziemlich schnell gemerkt, wen man fragen und wie man fragen muss. Dass ich Stefano Pilati im Buch hab, liegt z.B. einzig und allein daran, dass ich ihn auf dem Weg zum Klo getroffen und gefragt habe. Das war genau die Saison nachdem Yves Saint Laurent gestorben war und er hat keinerlei Interviews gegeben. Hätte ich da irgendeine PR-Frau gefragt, die hätte einfach Nein gesagt. Manchmal ist es einfach das Beste, direkt zu sein.




      Achtung: Wie ist denn eigentlich die Idee entstanden aus dem ganzen Projekt ein Buch zu machen?

      Anna Bauer: Der entscheidende Moment war sicherlich meine Begegnung mit Fabien Baron. Ich habe ihn damals 2008 portraitiert, kurz nachdem er bei Interview angefangen hatte und ihm einfach meine Polaroids gezeigt. Er fand’s gut. Im September 2008 sind dann acht Seiten des Projekts im Interview Magazine erschienen – von da an war es irgendwie unser beider Projekt. Ich habe dann viel für Interview Backstage fotografiert. Irgendwann hat Fabien mich gefragt: So, what’s next? Ich habe dann ziemlich spontan geantwortet: A book. Would you design it? Seine Antwort war: For you, I do it! So einfach war das.

      Achtung: Und dann?

      Anna Bauer: Habe ich durch Zufall Angelika Taschen getroffen. Ich wusste damals gar nicht, dass sie einen eigenen Verlag hat. Ich sollte nur ein Portrait von ihr machen und dachte, wenn ich sie schon treffe, zeige ich ihr doch einfach mal das Buch, vielleicht kennt sie jemand der Interesse hat. Wir hatten damals schon einen kleinen Dummy angefertigt. Sie war sofort begeistert, wollte das Buch selbst herausbringen – das war natürlich genial.

      Achtung: Jetzt ist das Buch fertig. Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

      Anna Bauer: Das Projekt „Portraits“ habe ich für mich abgeschlossen. Aber ich habe ein paar Kunden wie Victoria Beckham für die ich die Shows dokumentiere – mit einen ganz normalen Kamera. Eine Weile werde ich das sicher noch machen. Es macht ja auch Spaß. Man freut sich, die ganzen Leute zweimal im Jahr wieder zu sehen. Mit Sean Cunningham, einer der Backstage-Fotografen mit denen ich mich angefreundet habe, mache ich immer einen kleinen Roadtrip. Wie fahren zusammen mit dem Auto und dem ganzen Equipment einmal quer durch Europa: von London nach Mailand und zurück nach Paris. Wir wohnen zusammen, schreien uns an, arbeiten, feiern zusammen. Und irgendwie würde mir das, glaube ich, fehlen.


      ANNA BAUER BACKSTAGE, Design: Fabien Baron, Text: Tim Blanks; 304 Seiten, www.angelikapublishers.com