Einfache Gerichte schmecken meist am besten – vorausgesetzt, die Zutaten stimmen. Alexandre Mattiussi, Kreativdirektor und Gründer des Labels Ami vergleicht seine Designstrategie gern mit dem Kochen. Sein Rezept scheint dabei auf den ersten Blick recht simpel: Er macht Alltagsmode für den maskulinen Mann.

Mattiussi entwirft bezahlbare Kleidung für Modeliebhaber, die aber keine Fashion Victims sind. Er versucht, mit seinen Entwürfen keine Grenzen auszuloten oder Geschlechtergrenzen zu überwinden, beschäftigt sich nicht mit der Identitätskrise des Mannes oder bedient Styleminderheiten. Der Ami-Look ist ungezwungen, basic aber stylish: lockersitzende Wollhosen, ein Zweireiher mit einfachem T-Shirt oder ein Pullover mit aufgesticktem Logo und Sneakers. Manchmal auch humorvolle, mit Zitronen bedruckte Shirts.

Gegründet hat er sein Pariser Label im Jahr 2011. Ami sind nicht nur seine Initialen, sondern auch das Erfolgsrezept des Modemachers. Das Wort stammt aus dem Französischen und heißt auf Deutsch „Freund“. Ungezwungen und freundlich führt der Typ mit der roten Zipfelmütze und dem Kinnhaarbart auch sein Unternehmen. Sein Team, bestehend aus lässigen Mittzwanzigern, kennt er persönlich. Er stellt sich höflich bei jedem vor, geht mit seinen Mitarbeitern auch mal aus. Die Meinung seiner Kollegen und Freunde liegt ihm am Herzen: In jeder Saison fragt er sie, was sie aktuell gern tragen und was ihnen in ihrem Kleiderschrank fehlt. Von seinen Fans holt er sich Feedback auf Instagram. Sie schicken ihm Designvorschläge per Direktnachricht. Das führt dazu, dass ab und an auch mal eine Silhouette nachträglich verändert wird. Gerne betont er deswegen auch immer wieder, dass er Mode für den Konsumenten mache.

Bevor Alexandre Mattiussi Ami gründete, arbeitete er für Dior Homme, führte parallel für kurze Zeit ein T-Shirt Label, bei Givenchy entwarf er unter Riccardo Tisci und zuletzt für Marc Jacobs. Die Arbeit bei namensträchtigen Häusern frustrierte ihn, denn er konnte sich die Kleidung von seinem Gehalt nicht leisten: „Das ist, als ob ein Koch einem etwas zu essen macht und man sein Gericht nicht kosten darf!“, erklärte er einmal in einem Interview.

Ami gibt es nach nur fünf Jahren in fünf Flagships-Stores in Asien und Europa sowie in 300 Geschäften weltweit zu kaufen. In der Galerie Lafayette hängen seine Kollektionen auf dem Contemporary Floor neben Kenzo, Kitsuné und Gosha Rubchinskiy. Er entschied sich bewusst gegen die Luxusabteilung, da die Laufkundschaft diese aus Kostengründen häufig meidet.

Sein stringentes Konzept hat ihm schnellen Erfolg und Sympathiepunkte bei den Konsumenten und der Presse beschert. Es wird gemunkelt, dass er ein Angebot von Berluti absagte, um sich weiter auf sein Label zu konzentrieren. Der Franzose, der aus einem kleinen Ort in der Normandie stammt, beweist also, dass man auch in Zeiten der Krise erfolgreich sein kann. Denn während Kering und LVMH ihre Marken immer wieder neu erfinden wollen, indem sie – in der Hoffnung auf ein wenig frischen Wind und gute Umsatzzahlen – ihre Designer wie Fußballspieler auswechseln, hält sich Mattiussi an seinen Lang- zeitplan: Eine echte Freundschaft braucht Hingabe. Nur so besteht sie ein Leben lang.

Dieser Artikel ist erstmals erschienen in Achtung Ausgabe 32, September 2016

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