Die Stationen der Pariser Metro waren für mich immer reine Poesie. Hinter all den Namen, die oftmals ein Zweiklang sind, der die Straßenzüge kombiniert, leuchtet eine fremde Welt, die dazu einlädt, mit Imagination gefüllt zu werden. Und ich werde bei jedem Besuch in der Stadt der Städte nie müde, sie mir aufzusagen wie die Namen von Geliebten:Von Montparnasse-Bienvenüe über Cluny-La Sorbonne und Sèvres- Babylone bis zu Barbès-Rochechouart und Charles de Gaulle-Étoile.

Auf der Suche nach einer Titelzeile für diese Ausgabe, die etwas von der sportlichen Qualität unserer beiden Titelmotive transportieren sollte, kam mir irgendwann meine Lieblingsstation in den Sinn: Oberkampf. Sie sticht aus allen heraus, weil sie a) ein Zweiklang in einem Wort und b) eine Art urdeutsches Wort mitten in Frankreich ist, das so nicht existiert. Es scheint außerdem auf den ersten Blick eines dieser Komposita zu sein, für die die deutsche Sprache berühmt ist und es klingt, als hätte es ein Schüler im Sprachkurs erfunden. Vielleicht, nachdem er gerade zum ersten Mal mit den Schriften Friedrich Nietzsches in Berührung gekommen ist.

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Den schwarzen Gürtel verdienten sich unsere Models bei dieser Strecke. Héloïse trägt eine gerüschte Chiffon-Bluse, massive Lederweste mit Riemen, mehrfarbige Bermuda-Hose, weiße Lacklederstiefeletten, Halbfinger-Handschuhe, sowie eine Handtasche von Louis Vuitton

Oberkampf, das erzählt aber auch noch mehr. Der große Mann, nach dem die Metrostation benannt wurde, Christophe-Philippe Oberkampf, war ein gebürtiger Deutscher aus dem 18. Jahrhundert, der nach seiner Lehre in einer Basler Baumwollfabrik nach Paris ging, 1770 die französische Staatsbürgerschaft erhielt und sich in der Geschichte der Kulturnation verewigte, indem er in Jouy-en-Josas die königliche Manufaktur für bedruckte Baumwolle gründete und dafür 1787 in den Adelsstand erhoben wurde.

Oberkampf kann somit auch als Schöpfer des berühmten Stoffes namens Toile de Jouy gelten. Ein Modemensch avant la lettre sozusagen. Aber damit nicht genug: In den Bedeutungshallraum des Wortes fallen seit diesem Jahr leider auch die grauenhaften Terrorattentate von Paris, die sich um das Freundschaftsspiel der Franzosen gegen die Deutschen im Pariser Fußballstadium herum ereigneten, was die Brüderlichkeit unserer Nationen allerdings nur noch bestärkte.

Achtung Mode Ausgabe 31
Düsseldorf ist das Zuhause einer der größten japanischen Communities Europas. Im Herzen von Litttle Tokyo liegt das 4-Sterne-Superior-Hotel Nikko, in dessen Restaurant Xu Liu dinierte. Hier trägt sie ein College-Blouson von Mira Mikati, eine Patchwork-Bluse mit Karo-und Streifenmuster, sowie frontalen Cut-Outs von Comme des Garçons, eine himmelblaue Culotte, einen Kettengürtel von MSGM und einen Wenderock von Céline

Wir sind Oberkampf, so könnte man sagen, denn Achtung Mode feiert in jeder Ausgabe die Schönheit und Lebensfreude, die von der Mode in Paris ausgeht. Dass wir mit unseren Fotografen diesmal so viel am Rhein entlang unterwegs waren, hat also nicht nur inhaltliche Gründe, weil es der Teil Deutschlands ist, in dem nicht nur die Japaner, sondern ganz Asien – Leitmotiv dieser Ausgabe – sich eine Art zweite Heimat in La Düsseldorf eingerichtet hat.

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Seit 1901 gleitet die Wuppertaler Schwebebahn durch die ungewöhnliche Topografie der Stadt an der Wupper und diente uns als Foto-Location. Benjamin trägt eine navyblaue Kastenjacke mit asymmetrisch aufgesetzten Taschen von Jil Sander und ein grafisch bemaltes Seidenhemd von Brioni

Es war auch immer die Gegend, in der das wuchs, was man heuer franco-allemand nennt, eine Melange zweier sich gegenseitig bereichernder Länder, die zurückgeht bis zu den Hugenotten und in der Freundschaft Friedrichs des Großen mit dem Philosophen Voltaire gipfelte.

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Chitose Abes Kreationen wurden von uns in der Julia Stoschek Collection festgehalten. Hier ein weißer, langärmeliger Blouson mit Stehkragen und Western-Bandana-Print unter einer transparenten Stofflage zu einem Rock mit eingearbeiteten Kellerfalten und Stoffbänder-Details am Saum, sowie passendem Unterrock von Sacai

Blick nach Osten

Diese Ausgabe wendet ihren Blick aber vor allem nach Osten, direkt nach Asien, wo nicht nur die Inspiration europäischer Designer wie Stephan Schneider oder Albert Kriemler regelmäßig hinwandert. Japan war im Gegenzug aber auch immer wieder Motor der Mode in Europa, von Yohji Yamamoto über Rei Kawakubos Comme des Garçons bis zu Junya Watanabe. Und besitzt mit der Kawakubo-Schülerin Chitose Abe und ihrem Label Sacai wieder eine neue Kreativkraft, die von Karl Lagerfeld, Suzy Menkes und Anna Wintour gleichermaßen bewundert wird und mit der unser Chefredakteur Godfrey Deeny in Tokio sprach.

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Kenzo Takada fotografiert von Jonas Unger im Restaurant seines Privatkochs Toyomitsu Nakayama in Paris

Wir aßen japanische Paella bei Kenzo Takada, die sein Koch uns in Paris zubereitete, tauchten tief in die ikonische Kosmetikwelt von Shiseido ein und lernten bei einem Shoot der großartigen Louis-Vuitton-Kollektion von Nicolas Ghesquière in einer französischen Turnhalle, was Karate und Mode gemeinsam haben. Zuhause vereinbarten wir mit der Grande Dame der deutschen Modepresse, Christiane Arp von der Vogue, ein Teamwork zur Präsentation des Modenachwuchskaders: Vorhang auf für Achtung + Vogue Photobooth. Warum das so wichtig ist, lernten wir im Gespräch mit dem letzten Dandy des Einzelhandels, Albert Eickhoff. Und, was es bedeutet, das Leben sportlich zu nehmen, mit Eleganz und Würde. In diesem Sinn: Ring frei für den Oberkampf!

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Albert Eickoff fotografiert von Eva Baales in einem Kiton Anzug exklusiv für Achtung Mode