Diese Ausgabe von Achtung Mode feiert Paris. Und eigentlich müsste man gar nicht sagen, warum, weil es so offensichtlich ist. Und dennoch: Schnell wird vergessen, dass gerade Deutschland in seiner Geschichte ein eher gespaltenes Verhältnis zur nachbarlichen Grande Nation hatte. Den sogenannten „Erbfeind“ im Westen, gegen den immer wieder Krieg geführt wurde, verstand die politische Rhetorik als Kontrahenten, ja Antipoden. Man kann das als Minderwertigkeitskomplex der späten Nation Deutschland und ihren ideologisch nie endenden Kinderkrankheiten deuten und kommt dem Verhältnis doch nie ganz auf den Grund. So tief war der Riss, dass er sich bis in die Kultur hinein fortsetzte, am augenscheinlichsten im Bruderzwist der deutschen Literatur zwischen Heinrich und Thomas Mann. Thomas verspottete den frankophilen Heinrich als „beinahe schon Franzosen“, „Moralbonzen“ und „Zivilisationsliterat“, nachdem dieser ihn in seinem Zola-Essay als „Tiefschwätzer“ bezeichnet und ihn der „Streberei als Nationaldichter“ bezichtigt hatte, dessen Hauptaufgabe das „lüsterne Betasten geistiger Erscheinungsformen“ sei. Kultur gegen Zivilisation. Ein „Oberkampf“, den keiner je gewinnen konnte.

Und doch: Selbst in den dunkelsten Tagen deutsch-französischer Verwerfung, dem Zweiten Weltkrieg, gab es lichte Momente. Ernst Jünger trank als Soldat in Paris „Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen“ und pries „die gewaltige Schönheit“ (sic!) der Stadt. Dietrich Hugo Hermann von Choltitz widersetzte sich als Stadtkommandant von Paris auf Anraten des Schwedischen Konsuls Nordling dem Befehl Hitlers zur Vernichtung und übergab mit seiner Kapitulation am 25. August 1944 um 14.45 Uhr im Hotel Meurice die unzerstörte Stadt an Bürgermeister Taittinger, ganz Frankreich und den Rest der Welt.

Achtung No.33 ist ab sofort erhältlich am Zeitungskiosk

Dass wir Achtung Appetit im Hotel Meurice fotografiert haben, ist nur eine der vielen geschichtlichen Verweise dieser Ausgabe. Die aktuelle Herrenmode haben wir in die Deutsche Botschaft schicken dürfen, und im Musée des Arts décoratifs wurde eine Bauhaus-Ausstellung zum perfekten Hintergrund für das Kunsthandwerk der aktuellen Damenmode, die ihre wesentliche Inspiration den formalen Meistern aus Dessau schuldet, welche 1933 von den Nazis verboten wurden.
Achtung Mode widmet dieses Heft der deutsch-französischen Freundschaft, als spätes Echo des Élysée-Vertrags und des berühmten Handschlags von Kohl und Mitterand vor den Gräbern von Verdun. Denn Mode verbindet beides, Kultur und Zivilisation, zu einer Feier des Augenblicks im Zeichen ästhetischer Flüchtigkeit. Niemand verkörpert sie besser als Karl Lagerfeld, dem wir die beiden nie zuvor gezeigten Fotografien des Eiffelturms hier zu verdanken haben. Das nächtlich verhuschte Paris auf einem der Bilder ist so ephemer, poetisch und wahrhaftig wie die Mode selbst.

Auszug aus dem Editorial der Ausgabe No. 33 von Eckhart Nickel