Ohne festen Ort, ohne detaillierten Plan, ohne großes Budget – so starteten Stephan Erfurt, Marc Naroska und Ingo Pott im Jahr 2000 mit ihrer Idee von einem Fotohaus in Berlin. Doch wie das bei Umbrüchen so ist, schlägt Revolutionäres oft in Restauration um, sobald sich der Erfolg einstellt. Trotz Ausstellungen renommierter Fotografen wie Annie Leibowitz, Robert Mapplethorpe oder Nan Goldin, deren Bilder in dem vom maroden Charme des Übergang gezeichneten Postfuhramtes in Berlin-Mitte oftmals selbst für deren Schöpfer einen neuen künstlerischen Wert erhalten, schafft die Stadt es nicht, das Gebäude zu kaufen und so einer kulturellen Institution dauerhaft Unterschlupf zu gewähren. Stattdessen geht das Haus an den israelischen Investor Elad, der, wie sollte es anders sein, erst ein Hotel und Shoppingcenter plante, dann 2012 das Postfuhramt aber an den Medizintechnikhersteller Biotronik verkaufte (der dort demnächst seine neue Konzernrepräsentanz eröffnet).

Für C/O Berlin folgt prompt die Kündigung. Insgesamt war Stephan Erfurt bis Ende 2012 mit der Stadt über siebzig verschiedenen Objekte im Gespräch. Oft ist es kurz vor der Entscheidung, dann klappt es doch wieder nicht. Am Ende liegen die Nerven blank. Eigentlich wollte man mit C/O Berlin in die Atelierhäuser im Monbijoupark ziehen, doch am Ende ist das Verhältnis mit dem Bezirksamt Mitte alles andere als gut. Die Rettung kommt schließlich aus dem Westen. Im Frühjahr 2013 steht fest: Das traditionsreiche Amerika-Haus wird neues Domizil des Foto-Kunsthauses. Nach fast zwei Jahren ohne eigene Ausstellungsräume und umfangreicher Sanierung eröffnet C/O Berlin nun seine neuen Räume im Amerika-Haus und vollendet damit seinen eigenen und doch irgendwie auch Berlin-typischen Wandel – von Mitte zum Zoo, von Gründerzeitarchitektur zur moderner Transparenz, von Pop-Up Galerie zur Stiftung. Zum Grand Opening stellte ACHTUNG ONLINE einige Fragen an C/O-Gründer und Direktor Stephan Erfurt.


Herr Erfurt, was vermissen Sie schon jetzt an Mitte?

Gar nichts.

Und was halten Sie für richtig gut am Westen?

Eine in 14 Jahren noch nie so erfahrene Unterstützung eines Bezirks wie jetzt durch Wilmersdorf-Charlottenburg.

Postfuhramt vs. Amerika-Haus, für C/O Berlin nur räumlich ein Perspektivwechsel?

Nein, unser Umzug ist eine wunderbare, professionelle Weiterentwicklung.

„Wir sind ein Kind von Mitte. Aber irgendwann wird man auch erwachsen.“, haben Sie ihren Umzug einmal kommentiert. Bleiben Sie der Talentförderung trotzdem treu oder heißt das in Zukunft mehr Fokus auf die großen Namen?

Die größte Veränderung ist momentan das Haus. Umso wichtiger ist daher die Kontinuität unseres Programms. Und natürlich stehen die Talents bei uns immer ganz oben. Deswegen haben wir ja C/O Berlin überhaupt gegründet.

Für wie wichtig halten Sie eigentlich die Fotografie für den Kulturstandort Berlin?

180.000 Besucher pro Jahr bei C/O Berlin sprechen für sich.

Und sieht die Stadt das genauso?

Die entscheidenden Persönlichkeiten nehmen das eben so wahr.

Eine ihrer Eröffnungsausstellungen, neben „Will McBride“ und „Magnum Contact Sheets“ lautet „Picture Yourself“. Ein Fotoautomat in dem man sich im Stil renommierter Fotografen ablichten lassen kann. Ihre Antwort auf die Selfie-Generation?

Das Medium Fotografie ist so vielfältig und entwickelt sich immer weiter – von der klassischen Dokumentation bis zum Handy- oder Passbild. Das greifen wir auch mit neuen, ungewöhnlichen Präsentationsformen auf.

Magnum zur Eröffnung klingt logisch. Schließlich besitzen Sie eine gemeinsame Historie, auch die erste große Ausstellung im Postfuhramt galt einer Retrospektive der Magnum-Fotografen. Wie fiel die Wahl auf Will McBride zur Eröffnung?
Will McBride ist deshalb beim Grand Opening mit von der Partie, da er der allererste Fotograf war, dessen Werke 1958 im Amerika Haus gezeigt wurden. Und natürlich sind seine Berlin-Bilder großartig – diese wollten wir schon lange zeigen.

Und worauf können wir uns im nächsten Jahr freuen?

Wir präsentieren nächstes Jahr unter anderem visuelle Reflektionen über Antonionis Film “Blow Up”, Sebastião Salgados wichtiges Projekt “Genesis”, Anton Corbijn als engen Freund von C/O Berlin, die neuendeckte Lore Krüger sowie natürlich vier neue Talents.

Einen nicht unwesentlichen Anteil am Erfolg hatte ebenso die charmante Bespielung der verwitterten Hallen des Postfuhramts, die einen schönen Rahmen für die Ausstellungen boten. Welchen Charme versprüht denn das Amerika-Haus?

Leichtigkeit und Modernität.

Ihr Lieblingsort im neuen Gebäude?

Den gilt es noch zu finden.

Und ihr derzeitiges Lieblingsbild aus den Ausstellungen?

Ich habe ein Bild vor Augen – aber es ist kein Bild aus unseren Ausstellungen, sondern von den Ausstellungen: Endlich wieder viele neugierige, interessierte Besucher vor den Werken.

Wie wütend sind Sie eigentlich noch darüber, dass Sie aus Mitte wegziehen und fast eineinhalb Jahre schließen mussten?

Da gibt es überhaupt keine Wut, sondern nur eine große Vorfreude auf diesen wunderbaren neuen Ort.

C/O Berlin, Hardenbergstrasse 22-24, Berlin-Charlottenburg, www.co-berlin.org. Eröffnet wird am 30.Oktober mit folgenden Ausstellungen, die noch bis zum 16. Januar 2015 zu sehen sind: „Magnum Contact Sheets: The Photographer‘s Choice“, „Will McBride: Ich war verliebt in diese Stadt“ und  „Picture Yourself: Im Fotoautomaten mit Magnum“