The future is not Strenesse

Die neuen Visionen von Strenesse: strenge emanzipierte Looks | Getty Images für DER BERLINER SALON

Revivals sind nicht immer einfach. Das muss auch Strenesse am Morgen des ersten Tages erkennen. Selbstsicherheit ist sicher etwas Schönes, wenn man sich denn zu seinen eigenen Wurzeln bekennt. Doch statt leiser Töne und klare Schnitte mit sehr femininer Silhouette, welche die frühere Originalität der Marke ausmachte, konzentriert sich das Nördlinger Kleidungsunternehmen auf Instagram-wirksame „The Future is Female“-Sprüche. Solche, die man fast schon als Ausverkauf und damit Diffamierung einer ganzen Bewegung beschreiben könnte. Geht doch besagter Spruch auf die New Yorker Frauen-Bewegung im Jahre 1975 zurück, als Feminismus noch das war, was es wirklich war und nicht irgendein pop-kulturelles Marketingkonzept.

Authentizität – das Konzept der Zukunft

Hätte Strenesse sich mal Rat bei Alexandra Bondi de Antoni geholt. Die Chefredakteurin der i-D Germany lieferte nämlich bei der FashionTech-Konferenz der Premium (wie schon MCM-Chefin Sung Joo Kim am Tag zuvor) das Erfolgskonzept für die Zukunft: Mut zur Authentizität. Die junge Generation sei kritisch.

Hallo, bussi bussi. Sieht hier jemand noch die Mode?

Seit einigen Saisons reißen sich Redakteure, Designer, Modeblogger oder Influencer – ja eigentlich alle – um die Einladungen für den Modesalon im Kronprinzenpalais. Was als ernsthafte Kollektionspräsentation für Journalisten und Einkäufer begann, ist mittlerweile zum Meet-and-Greet für eine gesamte Branche geworden und damit zum wichtigsten Event der gesamten Berliner Modewoche. Gut, dass man das beim Veranstalter, dem FashionCouncil Germany verstanden hat, denn gesprochen und geordert wird ja eh hinterher – in persönlicherem Rahmen.

Odeeh x Meissen: filigran bemaltes Porzellan aus Deutschland im Kronprinzenpalais | Credit: Getty Images / DER BERLINER SALON

Dennoch gab es auch in diesem Jahr wieder Neues zu entdecken. Wie etwa die Meissen-Kooperation des Designer Duos von Odeeh, Otto Drögsler und Jörg Ehrlich, deren filigrane Zeichnungen von Frauen- und Männerportraits in den unterschiedlichsten Posen das schneeweiße Porzellan der Meissener Manufaktur zierten.

(links) Die Kreationen von Working Title; (rechts) Björn Kubeja, Antonia Goy und Loulou Berg | Credit: Julia Malysch / VOGUE Deutschland

Und was wäre der Vogue Salon ohne seine neuen Nachwuchstalente? Die in dieser Saison Nhu Duong oder Working Title heißen und erstmals ihre Kollektion präsentieren. Insbesondere Working Title sticht mit seiner charakteristischen saisonübergreifenden Kollektion heraus. Antonia Goy (eigentlich in Berlin schon lange kein Nachwuchs mehr, aber nun in neuem Duo vertreten) und Björn Kubeja kreierten moderne Klassiker für den Alltag mit nachhaltigen ökologischen Naturmaterialien aus Europa. Wilde Print- und Muster Mix erinnern an Künstler der 60er und 70er Jahre. Die Inspiration für die gradlinige Silhouetten und fließende Stoffe hingegen kommt aus Japan.

Und warum jetzt Korea?

Dass nicht nur Berlin modisch etwas zu bieten hat, wird auch ein Blick in die nächste Ausgabe von ACHTUNG MODE zeigen. Südkoreas Hauptstadt Seoul beweist sich derzeit als aufkommende Modemetropole.

ADER error Frühjahr Sommer 2018 Lookbook-Bilder: lässig, jung und selbstbewusst!

Kein Wunder also, dass Talent-Hunter der ersten Stunde, Andreas Murkudis, zukünftig das koreanische Fashion-Kollektiv, ADER error, in seinem Concept Store in der Potsdamer Straße führen wird.

„Ich bin viel in Seoul und beobachte die koreanische Mode schon länger. An ADER error gefällt mir vor allem, dass sie so erfrischend sind. Überhaupt scheinen Koreaner noch viel mehr Freude an Mode zu haben und es macht einfach Spaß, das zu sehen.“

Viele junge Leute sind bereits am ersten Abend ADER error verfallen | Credit: Tanya Khvorostiana

Murkudis erfreut insbesondere auch die Möglichkeit, eine jüngere Zielgruppe mit dem Label ansprechen zu können. Das lässt sich auch an diesem Abend spüren. Denn wo man sich noch im Modesalon gefragt hat, wo sie denn alle sind, die besessenen Mode-Kids? Hier sind sie zu finden. Selbst Murkudis 15-jährige Tochter ist fasziniert von den Hoodies und Tennissocken des Streetwear-Labels und könnte sich diese für 15 Euro sicherlich eher leisten als die 70 Euro Socken von Vetements. Ein ehrlicheres Konzept wie Murkudis findet. Recht hat er, vor allem wenn man weiß, wie diese Socken hergestellt werden.

Die Beste (Location) kommt zum Schluss

Ein wahres Highlight: Dorothee Schumachers Präsentation in der Gartenstraße

Berlin kann doch überraschen! Wer hätte das gedacht?! Mitten in Mitte (in der Gartenstraße) liegt seit knapp einem halben Jahrhundert ein ehemaliges Varietétheater, eine schlafende Perle deutscher Baukunst. Eine Baracke aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, die nicht einmal Berliner kennen? Nicht unmöglich für Dorothee Schumacher und ihr Label aus Mannheim, das mittlerweile so erfolgreich ist, dass man fast 80 Shops in Amerika mit deutscher Mode bedient. Vor allem die verspielten Elemente der kommenden Capsule Collection, Affenprints auf Norwegermuster, der glitzernde Modeschmuck, die von der Schimpansenforscherin Jane Goodall inspiriert wurde, lassen auf jeden Fall sofort erkennen, warum Dorothee Schumacher so erfolgreich ist.